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12.11.2008 von Karthause.


Klappentext
Niemand weiß es, nur wir zwei.
Was zwischen Catherine und Robert geschieht, ist ein Geheimnis. Es ist ihr größtes Glück, aber es birgt eine unkontrollierbare Gefahr. Niemand weiß es nur sie beide. Und doch ist da immer jenes unausgesprochene „noch nicht“, das ihnen angst macht. Denn eines Tages könnte es ans Licht kommen…
Bruder und Schwester, aufgewachsen in einer Welt der Kälte und des Schweigens, bei ihrem Großvater, der in ihnen nur die Schatten der Vergangenheit sieht, die Schatten einer schändlich zerbrochenen Familie. So klammern sich die Kinder aneinander und entwickeln, als sie heranwachsen, Gefühle, die über die Liebe zwischen Geschwistern hinausgehen. Dabei wissen sie, dass das, was ihnen alles bedeutet, ihnen nur Unglück bringen kann…
“Ein wunderbarer Roman über verbotene Leidenschaften und die unvorstellbaren Folgen einer Liebe gegen jede Vernunft.” (Daily Mail)
“Eine fesselnde Geschichte und so einfühlsam geschrieben, dass sie sich liest wie Musik - Musik für die Augen.” (Sunday Times)
Meine Meinung
Cathy und Rob wachsen bei ihrem Großvater auf. Die Mutter hat die Familie schon vor Jahren verlassen. Der Vater ist in einer Nervenheilanstalt und stirbt dort. So wachsen die Geschwister einer kalten und lieblosen Welt auf. Das Leben ist trist. Sie haben nichts und niemanden, mit dem sie ihre Gefühle teilen können. Nur die Angestellte Kate bringt ihnen Zuneigung entgegen. So haben sie einander schon immer sehr nahe gestanden. Auf ihrer Suche nach Wärme, Geborgenheit, Zärtlichkeit und Liebe verlassen sie das Terrain des Erlaubten.
„Der Duft des Schnees“ ist eine Liebesgeschichte, eine ganz besondere Liebesgeschichte. Besonders nicht nur, weil sie die verbotene Liebe zwischen Geschwistern thematisiert, sondern weil sie in einem Stil geschrieben ist, sehr einfühlsam ist. Dabei ist sie weit davon entfernt, eine simple Herz-Schmerz-Story zu sein. Der Roman wirkt nicht konstruiert, alles erscheint sehr lebensnah und real. Die Charaktere der Protagonisten hat die Autorin zu wirklichem Leben erweckt. Der Leser kann den Hoffnungen und Ängsten der Geschwister kaum entgehen, man fühlt mit und kann vor allem verstehen.
Als sehr angenehm empfand ich, dass Helen Dunmore diesen Roman wertungsfrei schrieb. Es kommt zwar zum Ausdruck, dass die beiden wissen, dass ihr Tun verboten ist, aber nie ist der erhobene Zeigefinger der Autorin spürbar.
Helen Dunmore lässt diese Geschichte von Catherine erzählen und diese berichtet, neben der Liebesgeschichte, nüchtern und unsentimental von den Zuständen auf dem Hof, der Sehnsucht nach der Mutter, der Einsamkeit.
Mein Fazit: Helen Dunmores „Der Duft des Schnees“ ist aufgrund der Handlung und des ruhigen, harmonischen Erzählstils eine der besten Liebesgeschichten, die ich je las. Ich wünsche diesem Buch viele, viele Leser.
Taschenbuch: 408 Seiten * Verlag: Lübbe * ISBN-13: 978-3404152063
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31.10.2008 von Karthause.

„Und ich stellte fest, dass nicht nur das Vergessen eine Form des Erinnerns war, sondern auch das Erinnern eine Form des Vergessens.“ (S. 169)
Nach dem Tod von Bertha treffen sich sich die Töchter noch einmal in ihrem Haus, welches Iris, ihre Enkelin erbt. Nach der Trauerfeier bleibt Iris allein zurück und zunächst weiß sie nicht, was sie mit dem Erbe tun soll. So geht sie durch die Räume und den verwilderten Garten des Hauses, in dem sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Ferien verbrachte. Mit jedem Zimmer, das sie betritt und jedem Schrank, den sie öffnet, werden Erinnerungen wach, vielleicht in gleichem Maße, wie die Großmutter sie während ihrer Krankheit verloren hat.
„Der Geschmack von Apfelkernen“ ist ein Roman über das Leben und den Tod, über Erinnern und Vergessen. Es ist ein Familienroman und schon nach wenigen Sätzen hatte mich der besondere Charme dieses Buches erreicht. Mit ruhigen Worten erzählt Katharina Hagena die Geschichte von Iris, ihrer Mutter Christa, der „elektrischen“ Tante Inga, der exzentrischen Tante Harriet, von Bertha, von Anna und Rosemarie, die beide zu jung gestorben sind. Die Erinnerungen an die verschiedenen Episoden, die bei Iris wach werden, sind allesamt liebenswert und frei von Gefühlsduselei und Kitsch. Auffällig ist jedoch, dass in dieser Familie Stürze und Äpfel eine recht große Bedeutung haben. Ein leichter Hauch von Magie zieht sich durch das Buch, da gibt es beispielsweise rote Johannisbeeren, die aufgrund eines tragischen Ereignisses über Nacht weiß werden und von der Familie als konservierte Tränen bezeichnet wurden.
Mein Fazit: „Der Geschmack von Apfelkernen“ ist eine äußerst liebenswerte Familiengeschichte, die auch die üblichen Zutaten wie Liebe, Missverständnis und Tod enthält, aber mich von der ersten Seite an gefangen nahm, weil der Erzählstil ein so klarer und unsentimentaler war. Auch wenn ich vielleicht den Inhalt vergessen werde, an das Buch, das mir so schöne Lesestunden bereitet hat, werde ich mich gern erinnern.
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten * Verlag: Kiepenheuer & Witsch Verlag * ISBN-13: 978-3462039702
Geschrieben in 2008, Belletristik, Meine Besten | 1 Kommentar »
29.7.2008 von Karthause.

Inhaltsangabe (Achtung! Hier wird der gesamte Inhalt wiedergegeben.)
1859 rettete der aus bäuerlichen Verhältnissen stammende, junge Infanterieleutnant Joseph Trotta Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht von Solferino das Leben. Die für den Kaiser bestimmte Kugel traf den Leutnant in die Schulter. Aus Dankbarkeit verlieh ihm der Kaiser den Maria-Theresia-Orden, beförderte ihn zum Hauptmann und erhob ihn in den Adelsstand. Jahre später, Joseph von Trotta und Sipolje war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn, Franz. Als er im Lesebuch seines Sohnes die Geschichte seiner Heldentat völlig verändert las. Er bat um eine Audienz beim Kaiser und trug ihm seine Beschwerde vor. Franz Joseph versuchte ihn zu beschwichtigen und riet ihm, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Joseph von Trotta zog für sich die Konsequenzen und schied als Major und in den Freiherrenstand erhoben aus dem Militär aus.
Seinen herangewachsenen Sohn drängte er in eine Beamtenkarriere. Franz studierte Jura und wurde später Bezirkshauptmann in einer Stadt in Mähren. Der Held von Solferino war zwischenzeitlich verstorben, Baron Franz von Trotta und Sipolje führte das regelmäßige Leben eines Beamten der k.u.k. Monarchie. Am Sonntagmorgen erklang der Radetzkymarsch, am Mittag gab es Tafelspitz, am Nachmittag kam der Kapellmeister zu den von Trottas auf Besuch.
Sein Sohn Carl Joseph von Trotta ging nach Beendigung der Schule zum Militär. Bei den Ulanen lebte er zwischen Exerzierplatz und Kasino, auf dem Klavier des Bordells wurde immer wieder der Radetzkymarsch gespielt. Aber Carl Joseph fand in seinem Leben beim Militär keine Erfüllung. Er sehnte sich nach einfachen Arbeiten auf dem Land. In seinem Regiment lernte er den Arzt Max Demant kennen. Beide wurden Freunde. Für Max war das wohl der einzige Freund, den er je hatte. Unglückliche Umstände führten dazu, dass Demant in einem Duell ums Leben kam. Carl Joseph hinterließ er seinen Säbel und seine Taschenuhr. Weil Carl Joseph eine Mitschuld am Tod seines Freundes sah, ließ er sich in das in Grenznähe zu Russland stationierte Jägerbataillon versetzen. Dort tickten die Uhren anders. Der Kaiser wurde salopp nur Franz Joseph genannt, wenn von ihm die Rede war und der Graf Chojnicki sah bereits die Monarchie zerfallen. Carl Joseph tappte blauäugig in eine Schuldenaffäre. Das hatte einen erheblichen Ehrenverlust zur Folge und er musste mit der unehrenhaften Entlassung aus dem Militär rechnen. Aber noch immer schützte der Kaiser die von Trottas. Er ließ die Sache erledigen. Die Heldentat des Großvaters zahlte sich noch immer aus. Nachdem der Kaiser die unsäglich Affäre um Carl Joseph beendet hatte, die Schulden beglichen waren und Kapturak die Garnisonsstadt verlassen hatte, quittierte der Enkel des Helden von Solferino den Dienst. Vom Grafen Chojnicki bekam er ein Häuschen zugeteilt, dass er sich mit dem Förster teilen musste. Er kümmerte sich nun um die Abrechnungen des Grafen. Ich hatte den Eindruck, dass er zum ersten Mal wirklich zufrieden war. Er hatte seine Scholle gefunden. Aber dann kam der Krieg und er nahm die Uniform wieder und ging zu seinem Jägerbataillon zurück. Nach einem langen Marsch war die Truppe durstig. Carl Joseph von Trotta ging zum Brunnen, um Wasser zu holen. Auf dem Rückweg trafen ihn feindliche Kugeln. Er fiel nicht mit dem Gewehr in der Hand, sondern mit zwei Wassereimern. Er war nicht der Held, sondern nur der Enkel des Helden.
Meine Meinung
„Radetzkymarsch“ habe ich als ein ganz wunderbares Buch empfunden. Joseph Roth ist ein wahrer Künstler des Wortes. Seine Beschreibungen haben mich tief beeindruckt. Er kann mit einfachen Worten eine Atmosphäre schaffen, die für den Leser spürbar und erlebbar wird. Ich habe lange kein Werk ähnlicher Brillanz gelesen. Die Charaktere sind hervorragend gezeichnet, die Handlungen dieser dazu stimmig. Joseph Roth vermag aber auch hintergründige Ironie, die stellenweise schon ins Satirische überging, gekonnt und bewusst einzusetzen.
Die Protagonisten symbolisieren mit ihrem Stand in der Gesellschaft die Säulen der k.u.k. Monarchie. Der Großvater, Held von Solferino, steht für das noch „gesunde“ Militär, die funktionierende Stütze der Gesellschaft. Franz von Trotta als Bezirkshauptmann verkörpert das Beamtentum, er ist ein treuer Diener des Staates. Der weichliche Carl Joseph von Trotta fühlt sich in seiner Rolle bei der Armee nicht wohl. Er sehnt sich zurück zu den Wurzeln der Familie und repräsentiert so den Untergang des Systems. Roth zeichnet Bilder mit Symbolcharakter in dieses Buch, am meisten beeindruckten mich die Krähen als Prophetenvögel und die Stimmung am Vorabend des I. Weltkrieges. Und durch die ganz gesamte Handlung zieht sich unaufdringlich der Radetzkymarsch.
Auffällig war auch, dass es in diesem Buch kaum Frauen gab, die in die Handlung eingriffen. Das empfand ich jedoch nicht als Mangel, sondern als direkte Folge der doch recht militärlastigen Handlung.
Mein Fazit: „Radetzkymarsch“ ist ein äußerst gelungenes Werk, das den Niedergang der k.u.k. Monarchie auf sehr einprägsame Weise beschreibt. In meiner persönlichen Bestenliste wird es ganz weit oben einen Platz finden. „Kapuzinergruft“ werde ich in kürze lesen. Die Erwartungen daran sind entsprechend hoch.
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462034622
Geschrieben in 2008, Klassiker/Weltliteratur, Meine Besten | Keine Kommentare »
1.7.2008 von Karthause.

Frankreich im 13. Jh.. Clément ist ein angesehener Glasmaler. Er träumt davon einmal im Leben etwas zu schaffen, das der Schönheit Gottes angemessen ist. Nach der Beendigung seiner Arbeit in Rouen zieht er mit seiner Familie nach Paris, um als Glasmaler beim Bau der Sainte Chapelle zu arbeiten. Der Meister der dortigen Glasmaler ist Thomas. Beide kennen sich gut. Zu gut. Haben sie doch beide um Edwige geworben, die sich jedoch für Clément entschieden hat. Clément ist aber auf die Arbeit angewiesen und Thomas nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um ihm zu zeigen, wer der Meister auf dem Bau ist. Seine Zurückweisung durch Edwige hat er nie verwunden, in seinem verletztem Stolz und seinem unberechenbaren Jähzorn sinnt er nach Rache. Neben diesem Haupthandlungsstrang werden noch die Geschichten des als Kind allein aufgefundenen Ghislain, der sich als Jongleur über Wasser hält und die des Baumeisters Pierre de Monteuil erzählt.
Dies war der erste Roman, den ich von der Autorin Kirsten Schützhofer gelesen habe. Wieder ein historischer Roman, in dem es um die Errichtung einer Kathedrale geht. Da schweifen die Gedanken schon mal zu Folletts „Die Säulen der Erde“ ab. Aber diesen Vergleich braucht die Autorin nicht scheuen. Im Gegenteil, mir hat dieser Roman deutlich besser gefallen als der Weltbestseller. Atmosphärisch dicht, in einer sehr schönen Sprache schildert Kirsten Schützhofer den Bau der Kirche. Vor dem inneren Auge habe ich das Werden dieses Bauwerks gesehen. Wie nebenbei erklärt sie das Handwerk. Die Arbeit der Glasmaler beschreibt sie in einer beeindruckenden Detailgenauigkeit. Auch die gewöhnlichsten Alltagssituationen, wie Wasser holen oder heizen, weiß Kirsten Schützhofer in die Handlung einzubauen, so dass der Leser sich gut in die damalige Zeit einfühlen kann. Abgerundet wird das Buch durch die fein gezeichneten Charaktere, denen jede Schwarz-Weiß-Malerei fehlt. Sie wirken wie aus dem Leben gegriffen, jeder hat sowohl gute als auch schlechte Seiten. Bei aller Erzählfreude der Autorin, die ich beim Lesen deutlich spüren konnte, gab es keine nennenswerten Längen in den Beschreibungen oder Handlungen.
Mein Fazit: „Die Kapelle der Glasmaler“ ist ein opulenter und farbenprächtiger Mittelalterroman. Kirsten Schützhofer hat es geschafft, diese Zeit für mich mit Leben zu füllen, ich konnte sowohl das Mittelalter sehen, riechen und hören, als auch mit den Protagonisten mitfiebern. Dies ist einer der besten historischen Romane, die ich bisher gelesen habe.
Taschenbuch: 720 Seiten
Verlag: Diana Taschenbuch
ISBN-13: 978-3453351523
Geschrieben in 2008, History, Meine Besten | 3 Kommentare »
28.1.2008 von Karthause.

Traum im Polarnebel
Juri Rytchëu
Broschiert: 369 Seiten
Verlag: Unionsverlag
ISBN-13: 978-3293203518
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Im Jahr 1911 zog es John MacLennan, der bisher in der Nähe des Ontariosees in Kanada lebte, in die Ferne. Er lernte den Kapitän des Walfangschiffes „Belinda“, Hugh Grover, kennen. Gemeinsam träumten sie davon als erste bis zur Mündung des sibirischen Stromes Kolmya vorzustoßen. Auf der Fahrt durch das Eismeer achteten sie weder auf das Wetter noch auf den Kalender und blieben im Eis vor der nordostsibirischen Küste stecken. Beim Versuch, das Schiff freizusprengen, erlitt John einen folgenschweren Unfall. Die nächste Krankenstation war 30 Tagesfußmärsche entfernt. Die eingeborenen Tschuktschen sollten helfen und John mit dem Hundeschlitten zum Arzt fahren. Kapitän Grover versprach ihnen Winchesterbüchsen und Orwo, Toko und Armol machten sich mit John auf den Weg. Als sie feststellten, dass John der Wundbrand befallen hatte, brachten sie ihn zu Kelena, der Schamanin. John sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Was hatten die Wilden, die er misstrauisch und vorurteilsbehaftet betrachtete, mit ihm vor? Zwangsweise musste er bei dem fremden Volk mit den für ihn unbekannten Traditionen überwintern. Aber diesem einen Winter folgten viele weitere.
„Traum im Polarnebel“ ist ein Roman der ganz besonderen Art. Ganz schlicht und leise erzählt Juri Rytchëu die Geschichte des Kanadiers John MacLennan, dem nach seinem schweren Unfall die Hilfe der Tschuktschen zuteil wurde. Er berichtet von gegenseitigem Misstrauen und vorhandenen Vorurteilen, aber auch von tiefer Freundschaft. Dieser Roman kommt ohne jede Actionszene und Effekthascherei aus, dafür besticht er durch beeindruckende Naturbeschreibungen. Rytchëu, selbst Tschuktsche und Kenner beider Kulturen, schildert das Leben seines Stammes im Einklang mit der unberührten Natur, er erzählt von der „Weißen Frau“, der Urmutter aller Tschuktschen, beschreibt Bräuche und Sitten. Aber er romantisiert das Leben im Polarklima nicht, er zeigt in seinen Alltagsbeschreibungen deutlich auch die Härte des Lebens und die Nachteile gegenüber der „zivilisierten“ Lebensweise.
Die Sprache des Autors ist einfach, ruhig und einfühlsam, aber die Gedanken gehen sehr tief. An John MacLennans Schwierigkeiten, in der neuen Umgebung klar zu kommen, wird der Unterschied zwischen den verschiedenen Lebensformen sichtbar. Die Frage nach den wahren Werten im Leben des Menschen wird unausweichlich. Ich kann nun meinen Lieblingsbüchern ein weiteres hinzufügen und freue mich auf weitere Bücher dieses Autors.
Geschrieben in 2008, Belletristik, Meine Besten | Keine Kommentare »
26.11.2007 von Karthause.
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“Über die Jahre habe ich festgestellt, dass meine Helden gewöhnliche Menschen sind, die ungewöhnliche Dinge tun.
Was mich beschäftigt, ist immer der Mensch, der sein Leben in Würde zu leben versucht.” Alex Capus
Anton Rüter, Hermann Wendt und Rudolf Tellmann sind Arbeiter auf der Papenburger Meyer Werft. Ihr Auftrag ist es, das eben erst fertig gestellte Kanonenboot „Götzen“ wieder zu zerlegen und nach Deutsch-Ostafrika auf den Tanganjikasee zu bringen. Alle drei sind keine Abenteurer, sie erfüllen nur ihre Pflicht. Der Transport des Schiffes wird schnell abgehandelt. Ausführlich berichtet Capus dann wieder über den Aufbau des Schiffes und die Schwierigkeiten und Probleme, die sich daraus ergeben. Recht schnell können sich die Papenburger in der neuen und unbekannten Umgebung arrangieren und leben sich den Umständen entsprechen gut ein. Sie machen das Beste aus ihrer Situation. Doch dann beginnt der 1. Weltkrieg.
In einer parallelen Handlung lernt der Leser den Briten Geoffrey Spicer Simson kennen. Er ist in Afrika vom britischen Militär aufs Abstellgleis geschoben worden, wird aber nach Ausbruch des Krieges nach London zurück beordert. Er ist ein Sonderling, dem Größenwahn nicht fern ist. Der Zufall will es, dass er einen ähnlichen Auftrag wie die deutschen Werfarbeiter erhält. Er soll zwei Boote via Kapstadt an den Tanganjikasee befördern, um den Deutschen an diesem Kriegsschauplatz Paroli bieten zu können. Diese Aufgabe meistert er unerwartet souverän und bedacht. Er zeigt überraschend Führungsstärke.
Alex Capus ist ein hervorragender Beschreiber, er wertet nicht, er erzählt und das auf eine ganz besondere Art und Weise. Afrika und das Leben und Überleben auf diesem Kontinent schildert er sehr realistisch und bildhaft, dabei baut er gekonnt Situationskomik ein. Auch die Charaktere passen gut in ihre Zeit. Capus schuf lebendige Persönlichkeiten mit Eigenheiten, Stärken und Schwächen. Dabei geht aus dem Roman nicht eindeutig hervor, welche Personen wirklich lebten und welche der Fantasie des Autors entsprangen. Ein Personenverzeichnis mit entsprechenden Hinweisen, würde dieses Buch gut ergänzen. Alex Capus betreibt keine Schönfärberei und zeigt auch Probleme auf, die die Oberen mit den Einheimischen hatten und die sie auf die „altbewährte“ koloniale Weise lösten. Er bleibt mit seinem Buch eng an der historische Vorlage. Dank seiner ausgezeichneten Recherchearbeit ist ihm ein sehr authentischer Roman gelungen. Die Kapitelüberschriften waren ein Highlight für sich.
„Eine Frage der Zeit“ ist ein ruhiges Buch, das zwar den Krieg thematisiert, aber gut ohne große Gräueltaten und übermäßiges Blutvergießen auskommt. Dieser Roman ließ mich nachdenklich werden und auch schmunzeln. Wer Bücher mag, die lebensnah geschrieben sind, wird dieses Buch lieben. Es war einer der besten Romane, die ich in diesem Jahr las, für mich ein echtes Leseerlebnis.
Die „Götzen“ fährt heute noch unter dem Namen MS Liemba auf dem Tanganjikasee.
Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
Verlag: Knaus
ISBN-13: 978-3813502725
Gelesen: November 2007
Geschrieben in 2007, Belletristik, Meine Besten | 3 Kommentare »
2.11.2007 von Karthause.
„Der Tod hat ihm alles genommen. Er besitzt nichts mehr. Er ist tausende Kilometer entfernt von einem Dorf, das es nicht mehr gibt, tausende Kilometer entfernt von den verlassenen Gräbern, eilig ausgehoben für die, die nur wenige Schritte weiter gestorben waren. Er ist tausende Tage entfernt von einem Leben, das einst schön und glücklich war.“
Monsieur Linh ist einer von vielen Flüchtlingen, die mit dem Schiff in ein fernes, ihnen fremdes land kommen. Er hat Schwierigkeiten sich in der ungewohnten und unfreundlichen neuen Umgebung einzugewöhnen. Liebevoll kümmert er sich um seine kleine Enkelin Sang-diû, sie ist die Einzige, die ihm von seiner Familie geblieben ist.
Eines Tages verlässt er die Flüchtlingsunterkunft und lernt im Park Monsieur Bark kennen. Keiner der beiden alten Männer versteht die Sprache des Anderen. Trotzdem sind sie nicht sprachlos. Gesten und Mimik sagen oft mehr als viele Worte. Sie fühlen sich im Inneren verbunden, denn beide sind auf ihre Art wie entwurzelte Bäume.
Leise und sehr gefühlvoll schildert Philippe Claudel diese besondere Freundschaft. „Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung“ ist ein unwahrscheinlich warmherziges, intensives, aber aber auch melancholisches Buch. Mich hat es emotional stark angesprochen, zum Schluss liefen mir die Tränen übers Gesicht.
Der einzige winzige Wermutstropfen waren die für meinen Geschmack teilweise zu kurzen Kapitel.
Trotzdem ist Philippe Claudel ein neuer Stern an meinem Autorenhimmel.
OT: La petite fille de Monsieur Linh
Gebundene Ausgabe: 126 Seiten
Verlag: Kindler (Juli 2006)
ISBN-10: 3463404982
ISBN-13: 978-3463404981
Gelesen: November 2007
Geschrieben in 2007, Zeitgenössisch, Meine Besten | Keine Kommentare »
30.10.2007 von Karthause.
Ashley Stassler ist einer der weltbesten Bildhauer. Diesen Ruhm erwarb er sich durch seine Skulpturenserie „Family-Planning 1-8“ In seinen Werken thematisiert Stassler den Schmerz und das Entsetzen, was den Gesichtern seiner Skulpturen lebensecht anzusehen ist. Für die Realisierung seiner Projekte benötigt er Familien, aber nicht als Modelle, sondern als Opfer. Bei der Auswahl ist er besonders „sorgfältig“. Er entführt sie und bringt sie auf seinem Anwesen in einem im Keller errichteten Käfig unter. Stassler lässt sie trainieren bis ihre Körper seinen Vorstellungen entsprechen. Während der Gefangenschaft lässt er keine psychologischen Tricks aus, um die Familienmitglieder gegeneinander auszuspielen. Dann, wenn Entsetzen, Angst und Schmerz nicht mehr zu steigern sind, macht er Abgüsse von ihren Körpern und bringt sie mit perfider Perfektion, die für ihn in Genuss mündet, um.
Die Kunststudentin Kerry kann ihr Glück kaum fassen, sie hat ein Praktikum bei Ashley Stassler, ihrem Idol, ergattert und reist erwartungsvoll auf die abgelegene Ranch des Meisters. Aber schon nach wenigen Tagen meldet Stassler sie als vermisst.
Mark Nykanen bedient sich in seinem Roman zweier verschiedener Erzählebenen. Ashley Stassler lässt er seine Gedanken, Gefühle und grausamen Pläne in der Ich-Form erzählen. Die Geschehnisse um die Stundentin Kerry , ihre Professorin und die anderen an der Handlung beteiligten werden aus der Sicht eines Dritten geschildert.
Ich habe die Romane von Mo Hayder und Tess Gerritsen begeistert gelesen. Sie waren blutig und brutal. Mark Nykanen eröffnet mit seinem Buch „Totenstarre“ eine für mich neue Dimension im Genre des Psychothrillers. Seine Fantasien sind krank, grenzwertig, abartig. Er beschreibt einen Täter, dem seine Einzigartigkeit zur Obzession geworden ist.
Obwohl ich von Beginn an den Täter kannte, baute Nykanen einen Spannungsbogen auf, der mich an dieses Buch fesselte. Fast atemlos las ich mich von Grausamkeit zu Grausamkeit und konnte den Roman erst nach dem wahrlich explosiven Ende aus der Hand legen.
„Totenstarre“ ist auf seine Weise einzigartig. Aber wer den geschliffenen, facettenreichen, feinen Kriminalroman liebt, sollte dieses Buch lieber im Regal stehen lassen. Ich glaube, dieses Buch wird die Meinungen der Leserschaft auseinander driften lassen.
OT: Bone Parade
Broschiert: 416 Seiten
Verlag: Blanvalet (April 2007)
ISBN-13: 978-3442366248
Gelesen: Oktober 2007
Geschrieben in 2007, Krimi/Thriller, Meine Besten | 2 Kommentare »
30.10.2007 von Karthause.
Venedig1475: In der Lagunenstadt wird ausgelassen Karneval gefeiert. Nur eine junge hochschwangere Frau versucht vergeblich, ihren Häschern zu entkommen. Kurz vor ihrem Tod bringt sie ihr Kind zur Welt. Das Mädchen, Sanchia, wird von dem Glasbläser Piero aufgenommen und liebevoll wie ein eigenes Kind aufgezogen. Das Rätsel um ihre Herkunft begleitet Sanchia noch über viele Jahre. Denn die mächtigen Feinde ihrer Mutter haben ihre Verfolgung nicht aufgegeben und schrecken auch vor dem Mord an Sanchias Zieheltern nicht zurück. Daraufhin wird das Kind in ein Kloster gegeben, wo sie von der Äbtissin schon früh an die Heilkunde herangeführt wird. Dadurch ist es dem wissensdurstigen Mädchen möglich zu lernen, was den meisten Frauen in der damaligen Zeit verwehrt bleibt.
Die Jahre vergehen und Sanchias Leben läuft keineswegs in ruhigen Bahnen. Liebe, Intrigen, Abenteuer, Hass, Gewalt, schwere Schicksalsschläge und ihre Tätigkeit als Hebamme und Heilerin prägen sie. Das Buch endet nach über 1.000 Seiten fulminant, damit lüftet die Autorin auch das Geheimnis um Sanchias Herkunft.
Neben einer flüssig geschriebenen Geschichte erfährt der Leser viele Details über das Leben in der Serenissima im ausgehenden 15. Jhd. Dabei trifft man historische Persönlichkeiten wie u.a. Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer, Vertreter der Familien Borgia und Medici sowie Girolamo Savonarola. Gekonnt verknüpfte Charlotte Thomas das Leben dieser realen Personen mit dem der fiktiven in ihrem Roman. Das gelingt ihr so gut, dass ich den Eindruck bekommen konnte, als stiller Beobachter in die Handlung involviert zu sein. Schließlich lebte ich mit den Protagonisten, lachte, weinte liebte und litt mit ihnen und versuchte ihre Gedanken zu ergründen. Das viel genannte Kopfkino schaltete sich bereits nach wenigen Seiten ein.
Sehr gut gefallen haben mir Erläuterungen zum Alltagsleben in der damaligen Zeit, wie z. B. zur Glas- und Spiegelherstellung, zur Medizingeschichte und zum Klosterleben. Dadurch, dass die handelnden Personen in diesem Roman so unterschiedlichen Schichten und Verhältnissen entstammen, entstand mit diesem Buch ein glaubwürdiges, weil durch sorgfältige Recherche fundiertes, Zeit- und Sittenbild der venezianischen Renaissance.
„Die Madonna von Murano“ist in einer einfachen, der Handlungszeit angepassten, schönen Sprache geschrieben. Der Spannungsbogen wurde von Beginn an konsequent aufgebaut und wurde durch ein grandioses Finale gelöst. Trotz der 1.028 Seiten gab es keine Längen. Im Gegenteil, der Wunsch weiterzulesen, mehr zu erfahren wurde ständig stärker.
Auf dem Schutzumschlag wird dieser Roman als „Ein prächtiger historischer Bilderbogen voller Abenteuer, Intrigen und Leidenschaft – ausgebreitet vor der einzigartigen Kulisse Venedigs“ angepriesen. Dem kann kaum noch etwas hinzugefügt werden. Für mich ist dieses Buch ein Highlight in meinem Lesejahr.
Aber nicht nur der Inhalt überzeugte mich, auch die Aufmachung des Buch ist erwähnenswert, schönes Papier, ein Lesebändchen, ein Personenverzeichnis, ein Glossar und liebevolle Illustrationen machen das Buch zu einem „Hingucker“.
Gebundene Ausgabe: 1040 Seiten
Verlag: Ehrenwirth; Auflage: 2 (20. Februar 2007)
ISBN-13: 978-3431036992
Gelesen: Oktober 2007
Geschrieben in 2007, History, Meine Besten | Keine Kommentare »
30.10.2007 von Karthause.
Mit großen Erwartungen begann ich diesen neuen Roman von Khaled Hosseini und gleich vorweg, ich wurde nicht enttäuscht.
Mariam wurde im Jahr 1959 unehelich in Herat geboren. Mit ihrer Mutter, Nana, lebte abgeschieden und die für das Mädchen viel zu seltenen Besuche des geliebten Vaters, er besuchte sie jeden Donnerstag, waren die Höhepunkte in Mariams Leben. Als sie 15 war, nahm sich die Mutter das Leben. Mariam suchte Zuflucht bei ihrem Vater und dessen Familie. Kurzzeitig nahm er seine uneheliche Tochter auf, wollte seine Familie aber nicht ständig mit dem Zeugnis seiner Schande konfrontieren und verheiratete sie mit dem dreißig Jahre älteren Kabuler Schuhmacher Raschid.
Die Ehe verlief von Beginn an nicht glücklich. Als nach mehreren Fehlgeburten klar wurde, dass Mariam ihrem Mann keinen Sohn schenken konnte, wurde ihr Leben zur Hölle.
Fast zwanzig Jahre später nahm Raschid die verwaiste, junge Laila ins Haus und heiratete auch sie. Laila stammte aus einer Familie, in der Bildung, auch für Mädchen als sehr wichtig angesehen war. Für sie tat sich im Hause Raschids eine ganz andere Welt auf als sie bisher kannte. Ganz langsam, bedingt durch die gemeinsamen zu ertragenden Qualen des Alltags, kamen die so unterschiedlichen Frauen sich näher. Im täglichen Kampf ums Überleben entwickelte sich schließlich eine tiefe Freundschaft.
Die gesamte Handlung wurde fest mit den historischen Ereignissen in Afghanistan verknüpft. Diese wurden aber von Khaled Hosseini nicht als Rahmenhandlung abgetan. Er ließ uns die Auswirkungen des politischen Geschehens auf die Bevölkerung und die Protagonisten spüren. So der Leser Zeuge des Einmarsches sowjetischer Truppen in das Land, aber auch als Afghanistan zur Islamischen Republik Afghanistan wurde, zeigte er die Folgen, die vor allem die Frauen betrafen, ungeschönt auf.
Khaled Hosseini beschrieb eindrucksvoll den schwierigen Alltag, der von den Frauen zu meistern war. Es wurde sehr deutlich gemacht, wie das tägliche Leben für alle immer problematischer wurde. Das Ganze fand seinen dramatischen Höhepunkt mit der Schreckensherrschaft der Taliban. Öffentliche Hinrichtungen waren an der Tagesordnung, Frauen wurden von Sittenwächtern geprügelt, wenn sie sich ohne männliche Begleitung in der Öffentlichkeit bewegten oder nicht den Bekleidungsvorschriften entsprechend gekleidet waren.
Die Handlung wurde begleitet von Kampf, Gewalt und Blutvergießen. Trotzdem zeichnete Hosseinis Roman kein düsteres Bild seines Landes, ganz zum Schluss schloss sich der Kreis des Geschehens und ein Funke Hoffnung für eine friedliche und freie Zukunft wurde sichtbar.
Dem Autor gelang es wunderbar, mir das Leben in Afghanistan nahe zu bringen. Ich konnte mich problemlos in die Protagonisten hinein versetzen und deren Gedanken und Gefühle nachvollziehen, obwohl diese einen mir recht fremden Kulturkreis entstammen. „Tausend strahlende Sonnen“ ist ein atmosphärisch dichter und in einer wunderbaren Sprache geschriebener Roman mit hervorragend ausgearbeiteten Charakteren. Auch die Übersetzung hat dem Buch nichts von seiner Tiefe genommen.
Ich fühlte mich von diesem Roman eingefangen und begab mich auf die Reise in ein fernes Land zu Personen, die mir beim Lesen ans Herz wuchsen, mit denen ich litt und die kleinen Freuden teilte. Es war eine Lesereise auf der ich auch gefühlsmäßig stark gefordert wurde, oft musste ich tief durch atmen, an anderen Stellen war ich nur noch fassungslos, dann wieder konnte ich schmunzeln. Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen, es war für mich ein Leseerlebnis, das sich mir nicht allzu oft bietet und immer noch in mir nachklingt.
Gebundene Ausgabe: 381 Seiten
Verlag: Bloomsbury; Auflage: 1 (September 2007)
ISBN-10: 3827006716
ISBN-13: 978-3827006714
Gelesen: August 2007
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29.10.2007 von Karthause.
Etliche Werke von Goethe habe ich sehr gern gelesen. Seine Gedichte liebe ich. Aber wie ist der Mensch Goethe, mit wem teilt er sein Leben und seine Gedanken? Kann ich den Menschen Goethe mit dem Zitat von ihm „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, das bei bloßer Nennung des Dichterfürsten sofort in meinem Kopf spukt, identifizieren. Christiane Vulpius fällt mir ein, sein “Bettschatz” und spätere Ehefrau. Ich wollte mehr wissen, deshalb kam mir der Tipp von Wirbelwind gerade recht.
Christiane Vulpius (eigentlich Christiana) war mir bis dahin nur als „ein rundes Nichts“ (Charlotte v. Schiller) bekannt, die ihr Leben im Hintergrund führte. Sigrid Damm zeigte mir eine ganz andere Christiane als ich sie erwartete. Sie belegte mit Briefen und diversen historischen Dokumenten, dass Christiane eine anpackende, couragierte und leidenschaftliche Frau war. Sie hielt Goethe den Rücken frei, ermöglichte ihm dadurch ein ungestörtes Schaffen. Sie verwaltete seine Ländereien und führte seinen Haushalt. Sie liebte das Leben in allen Facetten, das Essen und das Trinken, das Tanzen und das Reisen und die Liebe. Mit fortschreitenden Alter bekam sie Depressionen, häufig begleiteten sie nun Krankheiten und über den Tod von 4 ihrer Kinder, die scheinbar gesund zur Welt kamen und nur wenige Tage nach der Geburt starben, kam sie nie ganz hinweg.
Aber mit jeder Seite, die ich in diesem Buch las, wandelte sich auch mein Goethe-Bild. Er war ehrgeizig, verfolgte seine dichterischen, politischen und wissenschaftlichen Ziele bis zur Besessenheit. In seinem Ehrgeiz war sein Egoismus maßlos. Er hungerte nach Anerkennung und Erfolg. Blieb dieser aus oder gab es für ihn unangenehme Situationen flüchtete sich der große Dichter in (eingebildete) Krankheiten, so auch beim Tod Christianes. Auf seinen diversen Reisen und Kuren tankte er neue Energie. Er ließ sich von der Natur und den Damen der Gesellschaft inspirieren, die auch mal mehr als nur ein Äuglein für ihn waren.
Christianes Leben war nicht leicht. 18 Jahre lebte sie die freie Liebe. Der gemeinsame Sohn August war bereit 17 Jahre alt, als das Verhältnis legitimiert wurde. Für das Weimar der damaligen Zeit war diese „wilde Ehe“ ein noch nie da gewesener Skandal. Aber beide setzten sich über geltende Konventionen und Etikette hinweg und lebten ihre Liebe. Ich bin jetzt nach dem Lesen dieses Buches fest davon überzeugt, dass sowohl für Christiane als auch für Goethe die große Liebe war. In einigen Briefen, manchmal auch nur zwischen den Zeilen, fand ich Beweise dafür.
Sigrid Damm hat mich mit ihrer Recherche sehr beeindruckt. Sie analysiert die historischen Hintergründe ebenso wie die noch erhaltenen Dokumente aus der damaligen Zeit. Damit schafft sie ein eindrucksvolles Zeitbild des Weimar zur Goethezeit. Gut gefallen haben mir die immer wieder eingefügten Originaltexte. Das erforderte beim Lesen zwar mehr Konzentration, macht aber die Recherche äußerst lebensnah. An einigen wenigen Stellen verlor sie den dokumentarischen roten Faden und stellte eigene Spekulationen an. Im Großen und Ganzen hielt sie aber den authentisch-rationalen Erzählstil durch.
Selten habe ich eine Biographie gelesen, die so spannend und zugleich so informativ geschrieben wurde, dass mich das Buch auch in den Gedanken nicht los ließ. Ich freute mich auf jede neue Lesestunde und fieberte darauf, die neuen Beiträge meiner Mitleserinnen der kleinen Leserunde zu lesen.
Dieses Buch ist auf jeden Fall ein Lesetipp, der Lust macht, mehr von der Familie Goethe zu erfahren.
Gebundene Ausgabe: 540 Seiten
Verlag: Insel, Frankfurt; Auflage: 21., unveränd. Aufl. (2000)
ISBN-10: 3458169121
ISBN-13: 978-3458169123
Gelesen: Mai 2007
Geschrieben in 2007, Biografie/Erfahrungen, Meine Besten | 1 Kommentar »
28.10.2007 von Karthause.
Amir, Sohn eines wohlhabenden Paschtunen und Hassan, ein Hazara und Sohn des Dieners von Amirs Vater, werden von der gleichen Amme gestillt und wachsen gemeinsam auf. Hassan würde für Amir alles tun. Amir selbst sieht diese Beziehung wesentlich egoistischer. Er nutzt seine bessere Herkunft aus, er ist stolz, wenn er Hassan etwas vorlesen kann, dieser kann weder lesen noch schreiben, aber auf den Gedanken, es dem Freund zu lehren, kommt er nicht. Auch die Beziehung Amirs zu seinem Vater ist sehr kompliziert. Amir liest viel und schreibt eigene Geschichten. Der Vater erwartet vom Sohn, dass er Fußball spielt und die traditionellen Wettkämpfe im Drachensteigen gewinnt. Letzteres gelingt ihm zwar mit Hassans Hilfe, aber Hassan muss diesen Sieg Amirs teuer bezahlen. Der Freund könnte zwar helfend einschreiten als Hassan in größter Not ist, er verrät jedoch die Freundschaft. Für ihn ist der Sieg beim Drachensteigen wichtig, er hat endlich die Aufmerksamkeit des Vaters erlangt, nach der er sich so lange sehnte. Der Verrat, den Amir an Hassan beging, verfolgt ihn noch als erwachsener Mann. Amir, der schon Ende der 70er Jahre mit dem Vater in die USA geflüchtet ist, findet keine Ruhe. Als er Jahre später dann die Möglichkeit bekommt, seine Schuld abzutragen, macht er sich auf den Weg nach Afghanistan.
Die Handlung des Romas beginnt Mitte der 70er Jahre und zieht sich in verschiedenen Episoden bis in unsere jüngste Vergangenheit hin. Dem Autor gelingt es hervorragend, Details aus dem Alltag in Afghanistan auf interessante Weise mit der Handlung des Buches zu verknüpfen. Politische Hintergründe werden beleuchtet und ich konnte mir ein gutes Bild über die Lebensumstände der Bewohner Kabuls zu Zeiten des Friedens, aber auch unter der sowjetischen Besatzung und unter der Taliban-Herrschaft machen. Er scheute auch nicht die realitätsnahe Schilderung von Gräueltaten, die in Kriegzeiten an der Tagesordnung waren. Trotzdem hatte ich als Leser nie den Eindruck ein Voyeur zu sein. Denn ich lachte mit dem Protagonisten, ich litt mit ihm, ich verachtete ihn und ich liebte ihn. Dies war nur durch die fantastische Erzählweise Khaled Hossenis möglich, der diesen Roman so einfühlsam und in einem so lebendigen Stil schrieb, dass ich zeitweise das Gefühl hatte, eine wahre Geschichte zu lesen. Das ist aber nicht zuletzt des Ich-Erzählers Amir geschuldet, der mich mit seiner nicht zu blumigen aber spürbaren arabischen Erzählweise völlig in seinen Bann zog. Manche Passagen waren fast schon poetisch. Mir persönlich war das Ende des Buches mit etwas zu viel Action beladen, zu amerikanisch. Aber das ist Geschmacksache, spannend war es auf jeden Fall. Zusammenfassend kann ich sagen, dass „Drachenläufer“ ein äußerst bemerkenswertes Buch ist, das ich sehr gern weiterempfehle. Ich hoffe, von diesem Autor noch viele Bücher lesen zu können, er ist ein wunderbarer Erzähler.
Taschenbuch: 385 Seiten
Verlag: Bvt Berliner Taschenbuch Verlag
ISBN-10: 383330149X
ISBN-13: 978-3833301490
Gelesen: Februar 2007
Geschrieben in 2007, Belletristik, Meine Besten | Keine Kommentare »