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3.10.2008 von Karthause.

Effi wuchs behütet im märkischen Havelland auf. Mit 17 Jahren heiratete sie auf Wunsch ihrer Eltern den deutlichen älteren Landrat Baron von Innstetten, der etwa 20 Jahre zuvor bereits mit Effis Mutter befreundet war. Effi folgt ihrem Ehemann in den Badeort Kessin. Dort kann sie sich aber nicht einleben, sie fühlt sich weder in ihrem neuen zu Hause wohl, noch findet sie Anschluss an die dortige Gesellschaft. Einzig mit dem Apotheker verbindet sie eine Freundschaft. Als sie den Major Crampas kennen lernt, ein bekannter Frauenheld, beginnt zwischen beiden eine Affäre. Geert von Innstetten ist auf der Karriereleiter eine Stufe nach oben gestiegen. So kann Effi bereits 1¼ Jahr nach ihrem Umzug nach Kessin den ungeliebten Ort verlassen, um in Berlin eine geeignete Wohnung für sich, ihren Mann und die gemeinsame Tochter zu suchen. Damit hat auch die Affäre mit dem Major für Effi ein Ende gefunden. Jahre später findet Innstetten die aus dieser Liaison stammenden Briefe und erst jetzt hat der Seitensprung Effis Folgen.
Fontane besticht in „Effi Briest“ mit seinem sehr leicht zu lesenden Stil. Schnell war ich in der nicht anspruchsvollen Handlung drin. Die 17 jährige Effi fühlt sich selbst noch mehr Kind als Frau, so ist sie von ihrer kurzfristigen Heirat, die die Eltern veranlassten etwas überfordert. Nach dem Einzug im Haus ihres Mannes fühlt sie sich, als wäre sie aus dem Nest gefallen. Der Mann kommt seinen Dienstpflichten nach, sie findet und sucht keine Betätigung. Für diesen ersten Teil der Handlung nimmt sich Fontane sehr viel Zeit. Die Langeweile und die Unzufriedenheit Effis, die zum Teil auch aus ihrer Unreife resultiert, wurde auch für mich deutlich spürbar und zur Herausforderung. Ich haderte mit der Protagonistin. Aber mit dem Auftreten des Major Crampas wird die Handlung deutlich lebendiger und mit dem Umzug der Innstettens nach Berlin wurde für mich das Buch ein richtig schöner Gesellschaftsroman, in dem zum Ende hin auch noch deutlich Sozialkritik zu erkennen war. „Wanderungen durch die Mark“ prägten mein Fontanebild. Leider fand ich in „Effi Briest“ viel zu wenige seiner wunderbaren Beschreibungen.
In den nächsten Monaten werde ich mich auch noch mit zwei anderen bekannten Ehebrecherinnen der Weltliteratur beschäftigen. Madame Bovary und Anna Karenina erwarten mich schon.
Gebundene Ausgabe: 456 Seiten * Verlag: Fischer (Tb) * ISBN-13: 978-3596509157
Geschrieben in 2008, Klassiker/Weltliteratur | 2 Kommentare »
3.9.2008 von Karthause.

Kurzbeschreibung (www.amazon.de)
Die Geschichte einer Ehe in faszinierenden und beklemmenden Bildern: Nach den unheimlichen erotischen Erlebnissen einer Nacht, seinen in einer traumhaften Wirklichkeit und ihren im Traum, erkennen beide ihre unerfüllten Wünsche und Begierden und finden einen Weg aus der Krise.
Faszinierend schildert Arthur Schnitzler das parallele, stark erotisch bestimmte Erleben des Paares Fridolin und Albertine. Er ließ sich auf mysteriöse Weise in eine orgiastische Gesellschaft führen - sie ist in die Erregung eines unvergleichbaren Traumes geglitten. Die Fremde, die Fridolin in dieser leidenschaftlichen Nacht kennenlernt, opfert sich für ihn, weil in dieser bacchantischen Runde jeder Uneingeweihte zum Tode verurteilt ist. Albertine gibt sich im Traum einem eher zufälligen Bekannten hin und sieht ruhig zu, wie ihr Mann für seine Treue zu ihr sich kreuzigen lässt. Fridolin erkennt, als sie ihm dies erzählt, in der Fremden seine eigene Frau.
Das Buch diente als Vorlage für den Film “Eyes Wide Shut” von Stanley Kubrick mit Tom Cruise und Nicole Kidman in den Hauptrollen.
Meine Meinung
Lange, viel zu lange, stand dieses Meisterwerk ungelesen in meinem Regal. Fast schon in minimalistischen Stil beschreibt Schnitzler die Szenen einer Ehe. Mit wenigen Worten vermag er beeindruckende Bilder zu zeichnen, er führt den Leser immer dicht an der Grenze zwischen Traumwelt und Realität. Kein Wort ist zu viel oder überflüssig. Erstaunlich welche Tiefe und Fülle er auf nur 95 Seiten bannen kann. Schnitzler bediente sich dabei vieler zu deutender Traumbilder – Freud lässt grüßen – die ich zugegebenermaßen oft sicher nur unzureichend zu interpretieren vermochte. Für seine Zeit erzählt Schnitzler erstaunlich frei von den offenen und versteckten erotischen Wünschen der Eheleute; von den Erlebnissen Fridolins, der in allen Frauen immer nur Albertine suchte und von der Wehmut, die Albertine befiel, wenn sie daran dachte, ohne jegliche erotische Erfahrung in die Ehe gegangen zu sein.
„Traumnovelle“ ist trotz der Kürze, wahrscheinlich aber gerade deswegen, ein äußerst komplexes Werk, das mich zwar fasziniert, aber sich mir in seiner Gänze noch nicht völlig erschlossen hat. Es wartet also auf ein „noch einmal Lesen“, das wird aber erst geschehen, nachdem ich mich ein wenig in die Welt Sigmund Freuds eingelesen habe.
Gebundene Ausgabe: 95 Seiten * Verlag: Anaconda * ISBN-13: 978-3938484562
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19.8.2008 von Karthause.

Der Ich-Erzähler Franz Ferdinand Trotta, Enkel des Bruders des Helden von Solferino und somit aus dem nicht geadelten Zweig der Familie, erzählt die Geschichte der Trottas weiter. Er beginnt kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges und endet mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Dieser Roman ist faktisch die Fortsetzung von Roths „Radetzkymarsch“.
War der Untergang der Donaumonarchie im „Radetzkymarsch“ das bestimmende Thema, greift Roth in „Kapuzinergruft“ weiter und die Zeit nach dem Ende der Monarchie wird als ein schwieriger Neuanfang mit melancholischen, teils traurigen, aber immer sehr schönen Worten beschrieben.
Franz Ferdinand erbte von seinem Vater ein nicht unerhebliches Vermögen, welches dieser während seiner Zeit in Amerika machte. Franz Ferdinand liebte das Leben, besonders die Freuden desselben. Er war leichtsinnig, genoss es, Geld zu haben und dieses ohne nachzudenken ausgeben zu können. So lebt er die Nacht und verschläft den Tag. Erst nach dem Besuch seines Vetters, dem Maronibrater Joseph Branco Trotta, wird er etwas nachdenklicher. Als während seines Besuches in Zlotogrod der Krieg ausbricht, entschließt sich Franz Ferdinand, mit Joseph Branco und dessen Freund, dem Fiaker Reisinger, Seite an Seite zu kämpfen und sich von seinen alten Lebefreunden zu trennen.
Franz Ferdinand Trotta zeigt nie großen Elan, wenn es gilt etwas zu bewältigen. Aber nach seiner Rückkehr aus dem Krieg verharrt er förmlich in Erstarrung. Seine größte Tat scheint mir die Zeugung seines Sohnes zu sein. Auch sein gesamtes Umfeld wirkt verstört, ratlos, als hätte es den Boden unter den Füßen verloren. Alle diskutierten mehr als sie sich betätigen. Man versucht zwar einen Neuanfang nachdem das Kurzwarengeschäft missglückt war. In einem zweiten Anlauf wird mit dem Umbau des Hauses der Trottas zur Pension begonnen. Aber ständig hatte ich den Eindruck, alles geschehe halbherzig, eine gewisse Resignation und die Trauer um die gute alte Zeit, die so unwiderruflich vorüber ist, war spürbar. Recht sorglos wurden Hypotheken aufgenommen und Schecks ausgestellt. Glücksritter hatten ihre große Stunde und die Gutgläubigen zahlten drauf. So ganz kann man sich noch nicht von der dekadenten Lebensweise der Vorkriegszeit lösen, wo es ums Leben ging und nicht ums Geld. Von letzteren gab es genug, die Lebenszeit war schließlich begrenzt.
Eine ganz besondere Rolle kommt der Mutter des Franz Ferdinand zu. Sie lebt ihr Leben in festen Ritualen und Ansichten. Sie lebt die Tradition, das Althergebrachte. Sie darf ehrwürdig sterben, während eine hoffnungs- und ziellose Generation planlos zurück bleibt.
So steht auch die Kapuzinergruft, die letzte Ruhestätte der österreichischen Kaiser, für den Untergang des Reiches. Die ehemaligen Untertanen bleiben gefühlt führerlos zurück. Mit der neuen Republik können sie nicht anfangen. Alles ist im Zerfall begriffen. Kulturelle Werte und Traditionen gelten nicht mehr, sogar die Adelstitel wurden abgeschafft. Auch das Geld, von dem in früheren Zeit immer ausreichend vorhanden war, verliert unaufhaltsam seinen Wert.
„Kapuzinergruft“ empfand ich als noch melancholischer als „Radetzkymarsch“. Bei Letztgenanntem spürte ich noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So endet dieses Buch mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und für mich steht das gleich mit Hoffnungslosigkeit. Sehr deutlich wurde die Sehnsucht nach der Monarchie.
Wieder hat mich die sprachliche Gestaltung eines Joseph-Roth-Romans fasziniert. Die Emotionen, die er mit ein paar Sätzen zu erwecken vermag, finde ich bei manch anderem Autoren nicht in ganzen Büchern. Mit seinen Worten und den ausgefeilten, manchmal auch verschachtelten Sätzen lässt der Autor Bilder in meinen Gedanken entstehen und verleiht den Personen seines Romans Leben. Die von einer dichten Atmosphäre getragene Traurigkeit war für mich körperlich greifbar.
Ein wenig haben mich die Namensgleichheiten zu Personen aus „Radetzkymarsch“ irritiert, die aber personell nicht untersetzt waren. Einen Grafen Chojnicki und einen Diener namens Jacques gab es in beiden Romanen, es waren aber nicht die gleichen Personen. Mir ist nicht recht klar geworden, was Joseph Roth mit diesem Kunstgriff bezwecken wollte.
Mein Fazit: „Kapuzinergruft“ ist ein äußerst lesenswerter Roman, der ein anschauliches Sittenbild der jungen österreichischen Republik zeichnet. Joseph Roth ist mit diesem Buch nun endgültig in meinen ganz persönlichen Autoren-Olymp eingezogen.
Gebundene Ausgabe: 189 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462036459
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29.7.2008 von Karthause.

Inhaltsangabe (Achtung! Hier wird der gesamte Inhalt wiedergegeben.)
1859 rettete der aus bäuerlichen Verhältnissen stammende, junge Infanterieleutnant Joseph Trotta Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht von Solferino das Leben. Die für den Kaiser bestimmte Kugel traf den Leutnant in die Schulter. Aus Dankbarkeit verlieh ihm der Kaiser den Maria-Theresia-Orden, beförderte ihn zum Hauptmann und erhob ihn in den Adelsstand. Jahre später, Joseph von Trotta und Sipolje war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn, Franz. Als er im Lesebuch seines Sohnes die Geschichte seiner Heldentat völlig verändert las. Er bat um eine Audienz beim Kaiser und trug ihm seine Beschwerde vor. Franz Joseph versuchte ihn zu beschwichtigen und riet ihm, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Joseph von Trotta zog für sich die Konsequenzen und schied als Major und in den Freiherrenstand erhoben aus dem Militär aus.
Seinen herangewachsenen Sohn drängte er in eine Beamtenkarriere. Franz studierte Jura und wurde später Bezirkshauptmann in einer Stadt in Mähren. Der Held von Solferino war zwischenzeitlich verstorben, Baron Franz von Trotta und Sipolje führte das regelmäßige Leben eines Beamten der k.u.k. Monarchie. Am Sonntagmorgen erklang der Radetzkymarsch, am Mittag gab es Tafelspitz, am Nachmittag kam der Kapellmeister zu den von Trottas auf Besuch.
Sein Sohn Carl Joseph von Trotta ging nach Beendigung der Schule zum Militär. Bei den Ulanen lebte er zwischen Exerzierplatz und Kasino, auf dem Klavier des Bordells wurde immer wieder der Radetzkymarsch gespielt. Aber Carl Joseph fand in seinem Leben beim Militär keine Erfüllung. Er sehnte sich nach einfachen Arbeiten auf dem Land. In seinem Regiment lernte er den Arzt Max Demant kennen. Beide wurden Freunde. Für Max war das wohl der einzige Freund, den er je hatte. Unglückliche Umstände führten dazu, dass Demant in einem Duell ums Leben kam. Carl Joseph hinterließ er seinen Säbel und seine Taschenuhr. Weil Carl Joseph eine Mitschuld am Tod seines Freundes sah, ließ er sich in das in Grenznähe zu Russland stationierte Jägerbataillon versetzen. Dort tickten die Uhren anders. Der Kaiser wurde salopp nur Franz Joseph genannt, wenn von ihm die Rede war und der Graf Chojnicki sah bereits die Monarchie zerfallen. Carl Joseph tappte blauäugig in eine Schuldenaffäre. Das hatte einen erheblichen Ehrenverlust zur Folge und er musste mit der unehrenhaften Entlassung aus dem Militär rechnen. Aber noch immer schützte der Kaiser die von Trottas. Er ließ die Sache erledigen. Die Heldentat des Großvaters zahlte sich noch immer aus. Nachdem der Kaiser die unsäglich Affäre um Carl Joseph beendet hatte, die Schulden beglichen waren und Kapturak die Garnisonsstadt verlassen hatte, quittierte der Enkel des Helden von Solferino den Dienst. Vom Grafen Chojnicki bekam er ein Häuschen zugeteilt, dass er sich mit dem Förster teilen musste. Er kümmerte sich nun um die Abrechnungen des Grafen. Ich hatte den Eindruck, dass er zum ersten Mal wirklich zufrieden war. Er hatte seine Scholle gefunden. Aber dann kam der Krieg und er nahm die Uniform wieder und ging zu seinem Jägerbataillon zurück. Nach einem langen Marsch war die Truppe durstig. Carl Joseph von Trotta ging zum Brunnen, um Wasser zu holen. Auf dem Rückweg trafen ihn feindliche Kugeln. Er fiel nicht mit dem Gewehr in der Hand, sondern mit zwei Wassereimern. Er war nicht der Held, sondern nur der Enkel des Helden.
Meine Meinung
„Radetzkymarsch“ habe ich als ein ganz wunderbares Buch empfunden. Joseph Roth ist ein wahrer Künstler des Wortes. Seine Beschreibungen haben mich tief beeindruckt. Er kann mit einfachen Worten eine Atmosphäre schaffen, die für den Leser spürbar und erlebbar wird. Ich habe lange kein Werk ähnlicher Brillanz gelesen. Die Charaktere sind hervorragend gezeichnet, die Handlungen dieser dazu stimmig. Joseph Roth vermag aber auch hintergründige Ironie, die stellenweise schon ins Satirische überging, gekonnt und bewusst einzusetzen.
Die Protagonisten symbolisieren mit ihrem Stand in der Gesellschaft die Säulen der k.u.k. Monarchie. Der Großvater, Held von Solferino, steht für das noch „gesunde“ Militär, die funktionierende Stütze der Gesellschaft. Franz von Trotta als Bezirkshauptmann verkörpert das Beamtentum, er ist ein treuer Diener des Staates. Der weichliche Carl Joseph von Trotta fühlt sich in seiner Rolle bei der Armee nicht wohl. Er sehnt sich zurück zu den Wurzeln der Familie und repräsentiert so den Untergang des Systems. Roth zeichnet Bilder mit Symbolcharakter in dieses Buch, am meisten beeindruckten mich die Krähen als Prophetenvögel und die Stimmung am Vorabend des I. Weltkrieges. Und durch die ganz gesamte Handlung zieht sich unaufdringlich der Radetzkymarsch.
Auffällig war auch, dass es in diesem Buch kaum Frauen gab, die in die Handlung eingriffen. Das empfand ich jedoch nicht als Mangel, sondern als direkte Folge der doch recht militärlastigen Handlung.
Mein Fazit: „Radetzkymarsch“ ist ein äußerst gelungenes Werk, das den Niedergang der k.u.k. Monarchie auf sehr einprägsame Weise beschreibt. In meiner persönlichen Bestenliste wird es ganz weit oben einen Platz finden. „Kapuzinergruft“ werde ich in kürze lesen. Die Erwartungen daran sind entsprechend hoch.
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462034622
Geschrieben in 2008, Klassiker/Weltliteratur, Meine Besten | Keine Kommentare »
21.5.2008 von Karthause.

Leonidas hat reich geheiratet. Ein „geerbter“ Frack ebnete ihm den Eintritt in die Wiener Gesellschaft. Er hat Karriere gemacht und lebt recht sorglos. Aber sein gut organisiertes Leben wird durch einen ganz unerwarteten Brief, den er eines Morgens erhält, erschüttert. Nach 18 Jahren meldet sich bei ihm seine ehemalige Geliebte und bittet ihn, einem nichtarischen 17jährigen Jungen zu helfen, der im Nazideutschland vor größten Problemen steht. Leonidas fühlt sich von der Vergangenheit eingeholt. Wer kann dieser ominöse 17jährige wohl anderes sein als sein Sohn – das Ergebnis einer Affäre, die er schon nicht mehr wahr haben wollte. Er muss Entscheidungen treffen.
Franz Werfel hat die Geschehnisse um diesen mit der blassblauen Frauenschrift geschriebenen Brief in seiner Novelle in einem Tag zusammengefasst. Er beschreibt die Qualen und die Gewissensbisse von Leonidas, aber auch seine Ängste um den Verlust von Ansehen und Stellung und greift damit die Frage nach Wahrheit oder Lüge auf. Die 154 Seiten von Werfels Novelle sind eine einzigartige Charakterstudie des Protagonisten, in die er fast unmerklich die politischen Ereignisse im Österreich des Jahres 1936 einfließen lässt. Die Sprache ist sehr weich, sehr angenehm, aber auch ein wenig altmodisch, was wiederum sehr gut zum Stil dieser Erzählung passt. Werfel benötigt nicht viele Worte, seine Sätze sind prägnant, seine hintergründige Ironie ist wohltuend. „Eine blassblaue Frauenschrift“ ist eine sehr schöne Novelle, die zum Nachdenken anregt und mich deutlich länger als erwartet beschäftigt hat. Aber trotz der schönen Sprache und der feinen Charakterzeichnung konnte der letzte Funke nicht überspringen. Leonidas blieb für mich immer (auf unerklärliche Weise) etwas unnahbar.
Gebundene Ausgabe: 154 Seiten
Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt;
ISBN-13: 978-3596175505
Geschrieben in 2008, Klassiker/Weltliteratur | Keine Kommentare »
29.3.2008 von Karthause.

Günter Grass
Katz und Maus
/ 
Gebundene Ausgabe: 195 Seiten
Verlag: Suhrkamp
ISBN-13: 978-3518223321
Der Ich-Erzähler Pilenz berichtet im Jahr 1959, aus seinem schlechtem Gewissen heraus, über Joachim Mahlke, seinen Schulfreund aus Danzig zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. War er doch daran beteiligt, dass die Katze auf Mahlkes ständig zuckenden Adamsapfel angesetzt wurde und diesen der Lächerlichkeit preisgab.
Joachim Mahlke, durch seinen übergroßem Kehlkopf gezeichnet, war zu Beginn des Krieges 14 Jahre alt. Er lebte als einziger Mann mit seiner Mutter und deren Schwester zusammen. Sein Vater, ein Lokomotivführer, kam schon Jahre vorher bei einem Unfall ums Leben. Weil Joachim ein kränkelndes Kind war, wurde er erst ein Jahr später eingeschult und hatte aus dem gleichen Grund eine Turnbefreiung. Er war ein guter Schüler, aber kein Streber. Wurde er damals gefragt, was er werden wolle, antwortete er: Clown.
Als er dann für seine Mitschüler überraschend Schwimmen lernte, wurde er der beste Schwimmer und überlegener Taucher. Während eines Kriegssommers verbrachten die Jugendlichen viel Zeit auf einem gesunkenen polnischen Minensuchboot. Mahlke brachte diverse Gegenstände aus dem unter Wasser liegenden Rumpf des Bootes ans Tageslicht, darunter Orden, ein englischer Schraubenzieher und eine Kette mit Marien-Medaillon. Schraubenzieher und Medaillon trug Mahlke von nun an um den Hals, um von der Größe seines Adamsapfels abzulenken.
Mahlke hatte an Mädchen nur wenig Interesse, lediglich für die Jungfrau Maria schwärmte er. Am pubertären Imponiergehabe beteiligte er sich nur, wenn es unumgänglich war.
Eines Tages hielt ein Absolvent des Conradiums, das Danziger Gymnasium, das auch Mahlke besuchte, einen kriegsverherrlichenden Vortag. Dieser war inzwischen Kapitänleutnant eines U-Bootes und Träger des Eisernen Kreuzes. Dem Vortrag folgte eine gemeinsame Turnstunde, nach der dem Kriegshelden das EK fehlte. Mehr möchte ich zum Inhalt an dieser Stelle nicht verraten.
Die erste Hälfte von Grass’ Novelle (bis zum Diebstahl des Ordens) konnte mir noch gefallen. Die auf den ersten Blick oberflächlich erscheinende Geschichte des Joachim Mahlke ließ Platz für Interpretationen. Im zweiten Teil des Buches fand ich deutlich weniger Zugang zu der Lektüre. Längen wechselten mit Wiederholungen und Andeutungen. Hätte ich „Katz und Maus“ nicht gemeinsam mit anderen Lesebegeisterten gelesen, hätte ich mir wohl die letzten 50 Seiten erspart. Denn was mich am meisten störte, war die Sprache, sie war für mich mehr als gewöhnungsbedürftig. Die Harmonie im Klang der Sätze fehlte mir. Es häuften sich Sätze, die aus rein grammatikalischer Sicht, diese Bezeichnung nicht verdienten. Mag es als künstlerisches Stilmittel bezeichnet werden, oder auch als künstlerische Freiheit. Mir als Leserin hat der Stil nicht gefallen. Das Thema der Novelle dagegen hat mir zugesagt.
Was bleibt nach dieser Lektüre? Es bleibt ein gewisse Ratlosigkeit, was wollte Grass wirklich aussagen? Habe ich die Grundaussagen herausgefunden? Auf jeden Fall habe ich wieder einmal etwas von einem Literatur-Nobelpreisträger gelesen. Einige meiner Vorurteile konnte ich abbauen, aber Sehnsucht nach einem weiteren Grass verspüre ich momentan nicht.
Geschrieben in 2008, Klassiker/Weltliteratur | 1 Kommentar »
30.10.2007 von Karthause.
Abbruch nach 125 Seiten
Kurzbeschreibung www.amazon.de
Der Roman schildert die unselige Leidenschaft des 1910 in Frankreich geborenen Literaturwissenschaftlers und Privatlehrers Humbert Humbert zu der kindhaften und gleichzeitig frühreifen 12-jährigen Dolores (Lolita) Haze. Humbert Humbert ist Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren verfallen; deren vollkommene Inkarnation findet er in Lolita. Um in ihrer Nähe bleiben zu können, heiratet er ihre Mutter, die Witwe Charlotte Haze; er verursacht indirekt deren Tod und beginnt mit Lolita - aus Furcht vor Entdeckung seiner verbotenen Leidenschaft - ein unstetes Reiseleben durch die USA. Humbert Humbert stellt bald fest, dass sie verfolgt werden, und eines Tages ist Lolita, offenbar mit dem Verfolger im Bunde, verschwunden. Als er sie nach Jahren wiedersieht - verheiratet, schwanger und in ärmlichen Verhältnissen lebend -, weigert sie sich, zu ihm zurückzukehren, doch gelingt es ihm, den Namen des damaligen Nebenbuhlers zu erfahren. Es ist der Dramatiker Clare Quilty, den er in einer furiosen Racheszene erschiesst. Mit sprachlicher und stilistischer Virtuosität geschrieben, zahlreiche literarische Anspielungen aufweisend und mit distanzierender Ironie unterlegt, ist der Roman weder Schilderung der Überschreitung moralischer Schranken noch Diagnose einer dekadenten Epoche, sondern am ehesten die Geschichte einer tragischen Leidenschaft, die ihren Gegenstand - wenn überhaupt - nur um den Preis der Zerstörung erreichen kann. Versuche, den Roman allegorisch zu deuten, wonach sein Thema v. a. in der Konfrontation des alten Europa (Humbert Humbert) mit dem jungen Amerika (Lolita) zu sehen sei, hat Nabokov zurückgewiesen.
Leider konnte ich mich an dieses Buch nicht gewöhnen. Der schwülstige Stil, das Thema an sich … nein. Ich habe es wieder ins Regal gestellt.
Geschrieben in 2007, Klassiker/Weltliteratur | Keine Kommentare »
29.10.2007 von Karthause.
Abruch nach 100 Seiten
Kurzbeschreibung www.amazon.de
Die Reise des Kollegienrats Tschitschikow führt durch die Provinz des zaristischen Russland, wo er zu einem Spottpreis ‘tote Seelen’, d.h. verstorbene Leibeigene, einkauft, um diese später zum Marktwert zu verpfänden und so zu Reichtum zu gelangen. So ausgefallen wie dieses Vorhaben ist, so ungewöhnlich gestaltet sich auch Tschitschikows Reise von Gut zu Gut: Es entsteht eine grotesk-komische Sammlung geistig deformierter Grundbesitzer, der wahren ‘toten Seelen’. Ein zeitloses, irrwitziges Bild der ‘condition humaine’.
„Die toten Seelen“ war ein re-read für mich. Vor Jahren hat mich dieser Klassiker noch begeistert. Dieses mal leider nicht. Vielleicht war der Abstand für eine Wiederholung zu kurz.
Taschenbuch: 365 Seiten
Verlag: Diogenes; Auflage: 11., Aufl. (Januar 2002)
ISBN-10: 3257203845
ISBN-13: 978-3257203844
Gelesen: Juni 2007 - Abbruch nach 100 Seiten
Geschrieben in 2007, Klassiker/Weltliteratur | Keine Kommentare »