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23.6.2008 von Karthause.

Die 18-jährige Helen liegt nach einer missglückten Intimrasur wegen einer Analfissur im Krankenhaus. Diese Situation will sie ausnutzen, damit ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenkommen. Als ihre Wunde aber schneller heilt, als sie ihr Vorhaben umsetzen kann, greift sie zum letzten Mittel, um ihren Aufenthalt verlängern zu können. Sie reißt sich ihre frische Operationswunde bewusst selbst auf. Soweit die eigentliche Handlung, dafür würden an sich 2 DIN A4 Seiten genügen. Die 219 Seiten des Buches werden gefüllt mit detaillierten Beschreibungen von Helens Körper, insbesondere der Körperöffnungen, ihres (sehr eigentümlichen) Hygieneverhaltens, ihrer Masturbationstechniken. Mir ist jetzt jeder einzelne Geschmack und Geruch der verschiedenen Körperflüssigkeiten der jungen Frau bekannt. Die Konsistenz würde natürlich nicht ausgelassen.
Nachdem „Feuchtgebiete“ sozusagen in aller Munde war – was für ein zum Buch passendes Wortspiel – wollte ich mir meine eigene Meinung darüber bilden. Ich habe sie mir gebildet. Das Buch empfand ich weder als ekelerregend noch als skandalös. Ich fühlte mich auch nicht provoziert. „Feuchtgebiete“ hat mich einfach nur gelangweilt. Auf gut 200 Seiten wird versucht, gegen Tabus anzuschreiben und dem gegenwärtigen Hygieneverhalten den Kampf anzusagen. Um dies zu erreichen, war die Autorin bemüht, sämtliche Fettnäpfchen zu betreten und dem Leser eine derb-vulgäre, eher gossenhaft wirkende Sprache zu präsentieren. Zwischenzeitlich war ich versucht dieses Buch zur Seite zu legen. Ich habe mich aber dann anders entschieden, nur um festzustellen, ob mir eine Grimmepreisträgerin wirklich nicht mehr zu sagen hat.
Ich gehe jedoch davon aus, dass Charlotte Roche akribisch für dieses Werk recherchiert hat. Das würde mich beruhigen, denn würde das doch beweisen, dass ich bedenkenlos öffentliche Toiletten auf jedwede Weise benutzen kann und mich trotzdem bester, wahrscheinlich sogar noch besserer Gesundheit erfreuen werde.
Mein Fazit: Ich kann Charlotte Roche nur zu ihrem Marketing-Erfolg gratulieren, ein literarischer Erfolg ist es wohl eher nicht. Für mich gehört dieses Buch in die Kategorie „Bücher, die die Welt nicht braucht“. Zum Glück war mein Exemplar nur ein geliehenes.
Broschiert: 219 Seiten
Verlag: Dumont Buchverlag
ISBN-13: 978-3832180577
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16.12.2007 von Karthause.

Zum Vorlesen und Selberlesen: der zweite Band der Lagerlöf-Edition im dtv zum 150. Geburtstag der großen schwedischen Autorin am 20. November 2008. Es ist vor allem der Sagen- und Märchenschatz der skandinavischen Heimat, den Selma Lagerlöf festhält, um den Zauber der winterlichen Festzeit einzufangen. In schlichter Sprache erzählt, begleiten diese Geschichten seit Generationen viele Menschen. In einer Zeit, in der Kommerz und Profitstreben die Advents- und Weihnachtszeit dominieren, treffen diese spannenden und stimmungsvollen Erzählungen mitten ins Herz und laden zum Innehalten und Träumen ein. Die vorliegende Sammlung wurde eigens für die Taschenbuchausgabe zusammengestellt und mit einem Nachwort von Holger Wolandt versehen.
Mein Fazit: Selma Lagerlöfs „Weihnachtsgeschichten“ sind eine Auswahl von 12 ihrer liebsten Geschichten. Die meisten sind über 100 Jahre alt. Die schwedische Nobelpreisträgerin schreibt über ihre heimischen Bräuche, die Bedeutung der Nächstenliebe und den Wunsch nach einem geruhsamen und friedvollen Weihnachtsfest. Dieses Buch in seiner fast schon naiven Schreibweise erinnert an eine gute alte Zeit, mit weißhaarigen Großmüttern, die den Kindern Geschichten erzählen oder vorlesen, an eine Zeit ohne dieses hektische Alltagstreiben und ohne Konsumwahn. Eine große innere Ruhe kehrt beim Lesen der so warmherzigen Geschichten ein. Diese Geschichten sind nostalgisch aber nicht kitschig. Mit einem Wort: schön. Mit diesem Buch habe ich ein sehr gute Wahl getroffen. Dem Klappentext kann ich nichts mehr hinzufügen. Er spricht für sich und trifft es genau.
Broschiert: 224 Seiten
Verlag: Dtv
ISBN-13: 978-3423136037
9,50 EUR
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28.10.2007 von Karthause.
“Laufen Sie, junge Frau, laufen Sie, wenn Sie wollen laufen, der Kind sich freut, wenn Sie laufen.” Dies hat der Frauenarzt der jungen, schwangeren Deutschen geraten. Eigentlich wollte sie die letzten Wochen der Schwangerschaft zusammen mit ihrem Ehemann in Rom verbringen, der wurde aber kurzfristig zu Hitlers Afrika-Corps abkommandiert, keiner weiß wann er zurückkehrt. So läuft sie im Januar 1943 allein durch das ihr fremde Rom, der Leser begleitet sie auf ihren Wegen und erfährt ihre Gedanken. Diese werden mehr als Splitter in die Erzählung geworfen. Ganz so, als würde man selbst auf einem Spaziergang durch Kleinigkeiten zu immer neuen Gedanken angeregt. Das macht das Lesen dieses Buches nicht leicht. Dazu kommt, dass die 126 Seiten lediglich von einem Satz gefüllt werden. Kommata und kleine willkürlich gewählte Absätze, nicht immer entspricht ein neuer Absatz einem neuen Gedanken, wird die Geschichte gegliedert. Nach der ersten Stunde habe ich dann dieses Buch auch genervt zur Seite gelegt. Am Tag darauf, zum Glück war es ein Sonntag, habe ich mich ihm dann ganz in Ruhe noch einmal gewidmet und erstaunlicherweise fand ich plötzlich eine Art Rhythmus, das Lesen wurde angenehm und ich konnte mich auf diesen Stil einlassen.
Mit der Protagonistin konnte ich mich nicht so recht anfreunden. Freiwillig und gegen den Willen ihrer Eltern ist sie nach Italien gegangen, freiwillig bleibt sie, aber die ihr unbekannte Sprache will sie nicht lernen. Gedanken über die politische Situation macht sie sich nur widerstrebend, die Gespräche der Mitbewohnerinnen des evangelischen Konvents verwundern sie, denn sie reden sehr frei über Hitler und die Judenfrage. Aber immer öfter drängt sich die Angst in ihren Kopf, Angst, der Krieg könnte verloren gehen, Angst, ihrem Gert könne etwas passieren, täglich kommen so viele Gefallenenmeldungen.
“Bildnis der Mutter als junge Frau” ist eine Liebeserklärung von Friedrich Chr. Delius an seine Mutter. Denn er war es, der sie in dieser Zeit begleitete. Fein arbeitet er ihre Gedanken heraus. Manchmal hatte ich das Gefühl, beim Schreiben befand er sich im Zwiegespräch mit ihr. Ihm ist ein sehr einfühlsames und intensives Buch gelungen, das in seiner Ruhe mich als Leser nachhaltig beeindruckt hat. Ich könnte mir gut vorstellen, dass Romkenner noch mehr Freude an diesem Buch haben könnten als ich. Leider war ich noch nie in der ewigen Stadt.
Gebundene Ausgabe: 126 Seiten
Verlag: Rowohlt, Berlin (September 2006),
ISBN-10: 3871345563
ISBN-13: 978-3871345562
Gelesen: Januar 2007
14,90 EUR
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28.10.2007 von Karthause.
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Ein Buch, eine Stadt, zwei verschiedene Jahrhunderte, zwei ergreifende Schicksale und die Frage, was die beiden Frauen verbindet.
Im Frühjahr 1867 wird Marie Lazès in Paris unter dem Verdacht verhaftet, ihr Kind in der Seine ertränkt zu haben. Sie beteuert jedoch unbeirrt ihre Unschuld. Für die Ankläger scheint ihre Schuld aber erwiesen, denn dies ist kein Einzelfall zu dieser Zeit. Antoine, ihr Pflichtverteidiger, hat Zweifel an ihrer Schuld. Was ist an diesem Fall so bedeutend, dass sich sogar die Geheimpolizei damit befasst? So beginnt er selbst mit Nachforschungen.
Im Jahr 1992 recherchiert Bruno in einer Pariser Bibliothek für seine Doktorarbeit über die Architektur zur Zeit der Weltausstellung. Dort lernt er Gaëtane kennen, die Recherchen zur gleichen Zeit anstellt. Warum forscht die junge Frau in den Akten eines Kindermordes, der 125 Jahre zurück liegt?
Wolfram Fleischhauer gelingt es ausgezeichnet, beide Handlungsstränge so miteinander zu verweben, dass sie am Ende verschmelzen. Das geschieht wieder in der ihm eigenen wunderbaren Sprache, mit der er den Leser an seinen Roman fesselt. Auch jetzt, Tage nach dem ich dieses Buch beendet habe, beschäftigt mich dieses Buch. Ausführungen zur Geschichte des 2. Kaiserreiches und zur Medizingeschichte runden die Handlung ab und machen Geschichtsunterricht zur Freude. Die Charaktere fand ich sehr gelungen, sie waren facettenreich und menschlich. Auch von der Schilderung der Lebensumstände im Paris des Jahres 1867 war ich sehr beeindruckt. Es war erschütternd zu lesen, wie die Menschen in ihrer bitteren Armut leben mussten. Die Zustände, die in dem Krankenhaus herrschten, waren erschreckend. Konnten die Menschen dort überhaupt gesund werden, oder gingen sie nur zum Sterben dorthin? Letztlich blieb die Erkenntnis zurück, dass sich die Handlungsstränge zwar zeitlich von einander unterscheiden, Geld aber damals wie heute der alles entscheidende Faktor ist und Gewinn und Ansehen wichtiger sind als alles andere.
Bisher wurde ich von noch keinem Roman Wolfram Fleischhauers enttäuscht, obwohl meine Erwartungshaltung bei jedem seiner Bücher sehr hoch war. “Die Frau mit den Regenhänden” ging mir aber besonders unter die Haut. Vielleicht lag es daran, dass die Thematik so aktuell war.
Gebundene Ausgabe: 488 Seiten
Verlag: Droemer Knaur
ISBN-10: 3426617277
ISBN-13: 978-3426617274
Gelesen: Januar 2007
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