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19.11.2008 von Karthause.

Auf 700 kleingedruckten Seiten wird das Leben eines der wohl größten Genies der Menschheit, Michelangelo, abgehandelt. Der Leser lernt Michelangelo in einem Alter von 13 Jahren kennen und erfährt von den Kämpfen, die er besonders mit seinem Vater ausfechten musste, ehe er seinen Weg gehen konnte und die besondere Förderung von Lorenzo di Medici bis zu dessen Tod. Man begleitet ihn bei seiner Ausbildung, seinem Schaffen und in seinem Alltag. Auf die einzelnen Stationen seines Lebens möchte ich hier nicht im Einzelnen eingehen. Das Besondere dieses Buches war für mich, dass der Leser Michelangelo förmlich beim Entstehen seiner Werke über die Schulter schauen konnte und so viele Details seines künstlerischen Schaffen erfuhr. Aber auch der Mensch Michelangelo stand im Fokus des Autors. Da dieser stets den Bezug zum historischen Geschehen suchte, ist diese Romanbiografie sowohl eine Würdigung des Künstlers, seines Lebens, seines Werkes und eine beeindruckende Beschreibung seiner Arbeitstechniken als auch ein überaus gelungenes Zeit- und Sittenbild der italienischen Renaissance. Besonders gut hat mir gefallen, wie Irving Stone es schaffte, die Leidenschaft des Künstlers in Worte zu fassen.
Mir hat das Buch inhaltlich sehr gut gefallen. Für mich kam es einer Zeitreise gleich. Zwar war Michelangelo für mich auch vor der Lektüre selbstverständlich kein Unbekannter, aber diese Biografie rundete das Wissen zur Person und zu der Zeit, in der er lebte, ab. Parallel zu diesem Buch betrachtete ich seine Werke in einem Buch über sein Gesamtwerk. Das ergänzte das Gelesene auf hervorragende Weise.
Irving Stone schrieb seinen Roman in einem leicht zu lesenden, flüssigen Stil. Sicher sind bei der Beschreibung von Arbeitsabläufen Wiederholungen unumgänglich, aber besonders in der zweiten Hälfte des Buches hätte ich das gern weniger ausführlich gehabt. Das ist der einzige Kritikpunkt, den ich dem Autor anlasten möchten. Anders beim Verlag: das Buch umfasst gute 700 Seiten, die so klein bedruckt waren, dass ich das Lesen nach spätestens 30 Seiten als Zumutung empfand. Darüber hinaus ärgerten mich die unzähligen orthographischen Fehler, die mir auch einiges an Lesefreude nahmen.
Mein Fazit: „Michelangelo“ von Irving Stone ist ein beeindruckender Roman über das Leben und Schaffen des berühmten Michelangelo Buonarroti. Die detailreich, gut recherchierte und stimmungsvolle Romanbiografie ist nicht nur für Kunstliebhaber eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Allerdings sollte der Leser sich vielleicht nach einer anderen Ausgabe, als ich sie besitze, umsehen.
Gebundene Ausgabe: 700 Seiten
Verlag: Herbig
ISBN-13: 978-3776606942
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26.9.2008 von Karthause.

Stijn und Carmen sind jung und erfolgreich und leben in den Niederlanden. Sie lieben sich, ihre kleine Tochter und das Leben und führen eigentlich eine glückliche Ehe. Aber Stijn geht fremd, wann immer sich ihm eine Gelegenheit dazu bietet. Er kann nicht anders. Doch Carmen ist seine große Liebe. Eines Tages schlägt das Schicksal hart und erbarmungslos zu, sozusagen mitten ins Gesicht. Carmen erkrankt an einer äußerst aggressiven Form von Brustkrebs. Der Behandlungsmarathon beginnt, Chemotherapien, Bestrahlungen, Brustamputation. Dazwischen erlebt der Leser immer wieder ein Stück Normalität, so gut wie es der Gesundheitszustand Carmens gerade zulässt. Stijn tut alles für seine Frau, stößt aber auch an seine Grenzen und ist von der Situation überfordert. Er hat eine „Scheißangst“ und flüchtet sich in immer neue Affären. Als auch die Ärzte Carmen dann nicht mehr helfen können, bleibt nur noch ein Ausweg: Sterbehilfe.
Seit ein paar Monaten stand dieses Buch, das als Geschenk zu mir kam, unbeachtet im Regal. Ein Lesetipp weckte dann mein Interesse und so musste ich feststellen, dass Kluun ein ganz anderes Buch geschrieben hat, als ich erwartete. Offen und ehrlich geht Stijn mit seinen Schwächen um. Er versucht zur ergründen und zu begründen, warum er das Fremdgehen braucht. Er hinterfragt seine Beziehung zu Carmen. War ich anfangs noch der Meinung dieser notorische Fremdgänger sei so ziemlich das Letzte, was frau als Ehemann braucht, so wandelte sich dieses Bild zu meinem eigenen Erstaunen im Laufe der Zeit grundlegend.
Die einfache, deutliche und realitätsnahe Schilderung der Krankheit in allen Phasen hat mich betroffen gemacht. Die Kraft von Carmen und Stijn hat mich beeindruckt. Dieses Buch hat eine Vielzahl von Emotionen in mir geweckt, die Palette reicht von tiefer Trauer bis hin zum entspannten Schmunzeln. Dieses Buch ist etwas Besonderes.
Besonders ist auch die Aufmachung des Buches. Neu in die Handlung eingreifende Personen werden in kleinen Kästchen vorgestellt, ebenso die besuchten Lokalitäten. Jedes Kapitel wird durch ein Zitat aus einem Musikstück bekannter Künstler eingeleitet.
Mein Fazit: „Mitten ins Gesicht“ ist ein besonderes Buch im Genre der Erfahrungsberichte. Es ist nicht darauf angelegt, die Tränendrüsen des Lesers zu beanspruchen. Es schildert in Nahaufnahme wie der Krebs unbarmherzig und schonungslos das Leben und Lieben der Familie grundlegend verändert. Besonders das Ende hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Die Fortsetzung dieses Buchs „Ohne sie“ werde ich mit Sicherheit auch lesen.
Broschiert: 368 Seiten * Verlag: Fischer (TB) * ISBN-13: 978-3596169115
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23.9.2008 von Karthause.

Der bevorstehende 90. Geburtstag von Helmut Schmidt, Bundeskanzler a. D., am 23. Dezember 2008 ist für den Politikjournalisten Hans-Joachim Noack Anlass, über das bewegte Leben des Staatsmannes zu berichten. Bereits seit Jahren sind beide eng vertraut und für diese Biografie öffnete Helmut Schmidt sein Privatarchiv.
Hans-Joachim Noack berichtet kurz über die Kindheit und die Jugendjahre Helmut Schmidts. Sein Ehrgeiz und seine Zielstrebigkeit sind bereits in jungen Jahren deutlich erkennbar. Sehr früh lernt Helmut Schmidt Hannelore (Loki) Glaser kennen, beide hat schon in Kindertagen eine enge Freundschaft verbunden. Nach dem Abitur leistet er seinen Wehrdienst ab, kurz vor Beendigung dessen beginnt der Zweite Weltkrieg, den der junge Mann zwar voller Ehrgeiz , aber mit wenig nationalsozialistischer Überzeugung mitmacht. Später sagt er über diese Zeit, er sei zwar kein Held aber eben auch kein Schwein gewesen. 1942 heiratet er Hannelore. Zum Ende des Krieges entkommt er wegen kritischer Äußerungen nur knapp und mit Hilfe seiner direkten Vorgesetzen einer Verurteilung. Das Ende des Krieges erlebt er in britischer Kriegsgefangenschaft. Dort lernt er Hans Bohnenkamp kennen, der ihm bezüglich des Nationalsozialismus die letzten Illusionen nimmt und ihn politisch prägt. So wird er 1945 Mitglied der SPD.
Nach seiner Entlassung studiert Helmut Schmidt Volkswirtschaftslehre und arbeitet nach erfolgreichem Abschluss in verschiedenen Positionen im Hamburger Senat. 1962, als Schmidt, inzwischen Innensenator der Hansestadt, während der Sturmflut die Rettungsmaßnahmen organisiert, legt er den Grundstein für seinen Ruf als Krisenmanager. Innerhalb der Partei macht er, immer noch brennend vor Ehrgeiz, schnell Karriere. Schon als junger Politiker ist er ein Meister der Selbstinszenierung und ein hervorragender Rhetoriker. Bewusst bricht er manch innerparteilichen Konflikt vom Zaun. Er ist in seinem „Verein“ – wie er die SPD nennt – ein unbequemes Mitglied, einer, der immer etwas arrogant und belehrend wirkt. Das Verhältnis zu Willy Brandt war stets problembehaftet, zeitweise sogar zerrüttet. Zahlreiche Beispiele führt der Autor an, um zu belegen, dass Pragmatismus für Helmut Schmidt immer wichtiger als politische Linientreue ist. Trotz politischer Disharmonien wird er im Mai 1974 zum 5. Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt. Die Ämter, die er zuvor innehatte, Bundesverteidigungsminister, Bundeswirtschaftsminister und Bundesfinanzminister, befähigen ihn dazu wie keinen anderen. Besondere Herausforderungen während seiner Kanzlerschaft sind der Antiterrorkampf gegen die „Rote Armee Fraktion“, die Verbesserung des internationalen Ansehens Deutschlands, die Abrüstungsbemühungen und der damit eng verbundene NATO-Doppelbeschluss, infolge dessen er 1982 gestürzt wird.
Seit 1983 ist Schmidt Mitherausgeber der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, seine umfangreichen Erfahrungen fließen in eine Vielzahl von Büchern ein und noch heute hält er weltweit Vorträge zu aktuellen politischen Problemen. Hans-Joachim Noack würdigt aber auch Schmidts große Liebe zur Kunst.
In seinem Buch gelingt es Noack, das Leben und das Werk des ehemaligen Regierungschefs zu würdigen und historisch einzuordnen. Diese von Sympathie geprägte, aber auch Kritik nicht aussparende Biografie ist das, was Kenner der Szene als biografisches Psychogramm bezeichnen. Zahlreiche Fotos aus dem Archiv des Altkanzlers runden dieses Werk ab.
Helmut Schmidt ist mir vor der Lektüre dieser Biografie natürlich kein Unbekannter gewesen. Der Mann mit der Prinz-Heinrich-Mütze, (fast) immer mit Zigarette und hanseatisch kühl hat mich schon in jungen Jahren beeindruckt, war er doch in seiner Art so anders als alle bundesdeutschen Kanzler vor ihm. Hans-Joachim Noack versucht zu erklären, warum Schmidt ist wie er ist. Dabei verzichtet er auf boulevardjournalistische Berichte, er bringt mir den Politiker und ein Stück auch den Menschen Helmut Schmidt näher, sein Privatleben bleibt weitgehend verborgen. Mir hat diese Mischung sehr gut gefallen.
Gebundene Ausgabe: 320 Seiten * Verlag: Rowohlt Berlin Verlag GmbH * ISBN-13: 978-3871345661
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7.8.2008 von Karthause.

“Mein Buch ist kein Buch über Politik. Es ist ein Buch darüber, wie Politisches sich bis aufs kleinste auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt” (Jung Chang)
Jung Chang erzählt in ihrem Roman „Wilde Schwäne“ die Geschichte ihrer Familie im 20. Jahrhundert aus der Sicht der Frauen, welche auch einen tiefen Einblick in die chinesische Geschichte und Politik gestattet.
Yufang, Jung Changs Großmutter, wurde 1909 geboren. Sie ist die einzige, die die Kaiserzeit noch erlebt hat und die Letzte, die sich wegen des geltenden Schönheitsideals der Lotosfüße ihre gesunden Füße brechen und binden lassen musste. Das bereitete ihr lebenslange Qualen. Die soziale Stellung der Familie war nicht sonderlich gut, Yufangs Vater war aber ehrgeizig und so verkaufte er seine Tochter an den mächtigen, aber deutlich älteren General Xue als Konkubine.
Erst nach Jahren, mit dem Tod des Generals, erhielt sie ihre Freiheit und die der 1931 geborenen Tochter, Baoqin, wieder. Später lernt Yufang den Arzt Dr. Xia kennen. Gegen den Willen seiner erwachsenen Kinder heiraten sie.
Das Kaiserreich ist zerfallen und das Land von den Japanern besetzt. Diese herrschen mit äußerster Gewalt. Es folgt die „Befreiung“ durch die Kuomintang, deren führender Kopf ist Chiang Kai-shek ist. Dieser führte die Menschen in einen erbitterten Bürgerkrieg mit den Kommunisten unter der Führung von Mao Zedong.
Baoqin, Changs Mutter, ist auf der Seite der Kommunisten, sie erhofft sich von ihnen ein Ende von Gewalt und Hunger. Zunächst scheint es auch zu einer Verbesserung der Lebensumstände zu kommen, da sich die Versorgung mit Lebensmitteln deutlich verbessert. Aber langsam werden persönliche Freiheiten immer mehr eingeschränkt, die Rolle des Einzelnen und der Familie wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt, dem Staat werden alle Interessen untergeordnet. Mao ist der alleinige Führer. Einen Geheimdienst braucht er nicht. Er benutzt das Volk. Denunziationen, Anklageversammlungen und Verhaftungen sind an der Tagesordnung. Auch Jung Changs Familie ist davon betroffen. Sie werden als Kapitalistenhelfer abgestempelt.
Unter diesen politischen Verhältnissen wächst die 1952 geborene Jung Chang auf. Die Eltern versuchen zwar ihr möglichstes, werden aber auch diffamiert und in Folge dessen inhaftiert. Die Familie leidet unter den Auswirkungen des „großen Sprungs nach vorn“ ebenso wie unter der Kulturrevolution und den ständigen Anklagen, Kapitalistenhelfer zu sein. Ende der 60er Jahre wird die Familie auseinander gerissen und zur Umerziehung aufs Land geschickt.
Die Verhältnisse bessern sich erst nach dem Tod von Mao. Dann erhält Jung Chang die Möglichkeit eines Universitätsstudiums. Unter immer noch widrigen Umständen studiert sie Englisch, aber es stehen vielmehr Propaganda und Politik auf dem Studienplan als die Fremdsprache selbst. Mit viel Eigeninitiative und ungeheurem Ehrgeiz schafft es Jung Chang eine der besten zu werden. Ganz langsam beginnt auch bei der chinesischen Regierung ein Umdenken. Es gibt eine vorsichtige Öffnung des Landes nach außen und Jung Chang wird die erste chinesische Studentin, die ein Stipendium für ein Studium im Ausland bekommt. 1988 verlässt sie China und setzt ihr Studium in London fort.
„Wilde Schwäne“ ist ein überaus interessantes Buch. Jung Chang schildert ungeschminkt die Lebensumstände im China des 20. Jahrhunderts. In einer einfachen, sachlich nüchternen Sprache berichtet sie vom Leben ihrer Familie. Manchmal hat mich dieser Stil etwas gestört und ich hätte mir ein mehr an Emotionen gewünscht. Das mindert aber nicht die Bedeutung dieses Buches. „Wilde Schwäne“ ist ein wichtiges Buch, weil es tiefe Einblicke in eine uns doch recht verschlossene Welt gibt. Jung Changs Buch ist auch heute noch in China verboten.
Taschenbuch: 732 Seiten
Verlag: Droemer Knaur
ISBN-13: 978-3426711484
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1.7.2008 von Karthause.

Als Kind wurde Carla vom Vater missbraucht. Als junge Frau ging sie ins Kloster und musste die psychischen Quälereien der Nonnen über sich ergehen lassen. Als sie auch das nach Jahren nicht mehr aushält, ist ihr einziger Ausweg die Prostitution.
Carla van Raay hat in diesem Buch ihr Leben niedergeschrieben. In wie weit darin Ausschmückungen enthalten sind, kann ich nicht beurteilen und Vermutungen möchte ich nicht anstellen. Eins steht fest, sie hat ein schweres Schicksal in ihrem von großen Kontrasten geprägten Leben hinter sich. Carlas Geschichte hat mich betroffen gemacht, aber nicht so berührt, wie es andere Bücher dieses Genres schon taten. Dafür hatte es einfach zu viele Längen und die Sprache zeigte deutlich, dass das Schreiben nicht der Beruf der Carla van Raay ist. Trotzdem war es interessant zu lesen, wie Carla van Raay ihren Weg fand.
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426778241
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27.5.2008 von Karthause.

Klappentext
Seit frühester Kindheit erlebte Angela Lenz sexuelle Gewalt. Mit grausamen Folterungen, Drogen und Gehirnwäsche wurde sie in einer Geheimsekte zur Prostitution gezwungen und musste andere in satanistischen Ritualen quälen. Unter der Last des Unerträglichen zersplitterte ihre Seele in Dutzende von Persönlichkeiten. So überlebte sie die Schrecken. Doch die traumatischen Erlebnisse drängten an die Oberfläche. Angela machte eine Therapie, und trotz Schweigegebot und Todesdrohungen wagt sie über das zu sprechen, was man ihr und anderen angetan hat.
Es ist bereits etliche Tage her, seit ich „Vater unser in der Hölle“ von Ulla Fröhling beendet habe. Eher war ich nicht in der Lage, meine Gedanken niederzuschreiben. Dieses Buch wurde mir von lieben Freundin ans Herz gelegt, ich kannte im Groben die Thematik, wusste aber nicht, worauf ich mich einlasse. Die Unfassbarkeit dieses Buches veranlasst mich auch, hier ausschließlich über meine Gefühle, mit denen ich beim Lesen zu kämpfen hatte, und nicht über meine literarischen Eindrücke zu schreiben.
Noch heute bekomme ich Gänsehaut und einen Kloß im Hals, wenn ich an dieses Buch denke. Viele Bücher dieser Art habe ich bereits gelesen und ich dachte, mein Fell wäre auch für „Vater unser in der Hölle“ dick genug, weit gefehlt. Ulla Fröhlings Buch ist anders, härter, schrecklicher, grausamer, die geschilderten Taten sind unvorstellbar menschenverachtend. Es ging mir nicht nur unter die Haut, es berührte mich im tiefsten Inneren. Nichts wurde ausgeblendet, umschrieben oder beschönigt. Die Autorin lenkte meine Gedanken genau auf die schlimmsten unbeschreiblichsten Schreckenstaten. Stellenweise kam ich mir wie ein Voyeur vor. Und immer, wenn ich dachte, die Leiden der Angela Lenz können nicht mehr schlimmer werden, gab es wieder eine furchtbare Steigerung. Mehrfach war ich versucht, das Buch zur Seite legen, aber auch das konnte ich nicht. Gedanklich war ich schon viel zu sehr verstrickt in die Fäden des Geschehens.
Dieses Buch bewerte ich lediglich mit 4 von 5 Sternen, weil es auf mich stellenweise etwas reißerisch wirkte. Es ist aber ein wichtiges Buch, ihm sind viele Leser zu wünschen. Wenn ich es empfehlen würde, dann nur sehr stabilen Lesern und es wäre immer eine Warnung mit dabei, denn was ich gelesen habe, überstieg oft mein Vorstellungsvermögen, ich mochte es nicht wahr haben, obwohl es nachgewiesenermaßen leider wahr ist.
Broschiert: 445 Seiten
Verlag: Lübbe
ISBN-13: 978-3404616251
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1.4.2008 von Karthause.
Die roten Orchideen von Shanghai
Juliette Morillot

OT: Les Orchidées Rouges de Shanghai
Taschenbuch: 477 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN-13: 978-3442459384
Viel zu lange stand dieses Buch unbeachtet in meinem Regal. Der Titel hatte es mich eher in das Genre des Liebesromans einordnen lassen. Weit gefehlt. Juliette Morillot erzählt in ihren Buch die Lebensgeschichte der Koreanerin Sangmi Kim. Sangmi wuchs in einer wohlhabenden Seouler Familie auf. Hätte ihre Großmutter ihr nicht alle ihre Liebe gegeben, wäre schon die Kindheit des Mädchen einsam verlaufen. Sie fühlt im tiefsten Inneren, dass sie anders ist, irgendwie eine Außenseiterin. Auch die Mutter schaut sie scheinbar anders als ihre Geschwister an. Sie erfährt aber erst Jahre später von ihrem Großvater genaueres. Eines Tages, Sangmi ist 14 Jahre alt, wird sie von japanischen Besatzern entführt und ins chinesische Mukden gebracht. Von nun an durchlebt sie die Hölle. Als Trostfrau muss sie japanischen Soldaten und Offizieren zu Willen sein. Die Grausamkeiten und die Brutalität, die ihr als chosen pi (koreanische Hure) widerfährt, sind unvorstellbar. Aber auch medizinische Versuche musste sie über sich ergehen lassen. Noch unvorstellbarer ist es wie ein so junges Mädchen diese Gräuel überleben kann.
Die Autorin lernte Sangmi Kim 1995 in Seoul kennen. Mit einfachen, einfühlsamen, aber kraftvollen Worten schildert Juliette Morillot deren erschütternde Lebensgeschichte. Dabei verzichtet sie darauf, durch besondere Emotionalität Mitleid erhaschen zu wollen. Durch die klare Ausdrucksweise zeigt sie, dass Sangmi Kim nur durch die Loslösung von eigenen Emotionen überleben konnte. Während des Lesens war ich immer wieder am Rand der Fassungslosigkeit angelangt. Oft musste ich daran denken, dass dies keine von einem kreativen Autor erfundene Geschichte ist, sondern das, was eine junge Frau, eigentlich noch ein Kind, wirklich erlebt hat. Dieses Buch war einerseits so erschreckend und abstoßend, andererseits so ergreifend und berührend. Der Hass den Sangmi den Japanern gegenüber empfindet wird immer wieder deutlich. Aber dieses Buch ist keine generelle Abrechnung mit Feinden, sie berichtet auch mit Dankbarkeit über die Hilfe, die ihr von japanischer Seite entgegengebracht wurde.
Das Buch enthält neben einer Zeittafel und einem Glossar, das mir beim Lesen der fremden Begriffe sehr geholfen hat, auch eine Karte, auf der man Sangmis Weg verfolgen kann. Dieses Buch hat mich in eine Zeit und eine Region versetzt, die mir eher fremd war. Ich habe viele interessante Informationen gewonnen und kann dieses Buch nur empfehlen.
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11.3.2008 von Karthause.

Sie nannten mich „Es“
Dave Pelzer
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Taschenbuch: 158 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN-13: 978-3442150557
Ein dünnes Büchlein mit nur 158 lag vor mir auf dem Tisch, von dem ich erwartet hätte, dass ich es locker an einem Abend lesen würde. Aber weit gefehlt. Dieses Buch konnte ich nicht in einem Stück lesen, die Grausamkeiten waren zu heftig. Aber der Reihe nach.
Das Buch, eine wahre Begebenheit, beginnt mit der Rettung des Dave Pelzer vor häuslicher Gewalt. Schon in diesem ersten Kapitel wird deutlich, der Junge muss schreckliches durchlitten haben. Aber zu diesem Zeitpunkt hat es mich ein wenig gestört, das Ende der Geschichte bereits zu kennen. Danach erzählt Dave Pelzer sein Leben. Dazu bedient er sich der einfachen Sprache des Kindes, das gelingt ihm auch fast durchgängig sehr gut. Seine Erzählung beginnt in glücklicheren Zeiten. Der Familie ging es gut, er und seine Geschwister wurden gut von der Mutter umsorgt, aber ganz langsam, Dave war 4 Jahre alt, da änderte sich die Situation, der Alkohol hielt Einzug in das Leben der Eltern. Allen Frust, die ganze Wut und den Ärger ließ die Mutter ausschließlich an Dave aus. Die Brüder waren von den Misshandlungen nicht betroffen. Es begann mit Schlägen, setzte sich über massiven Essensentzug fort und fand den Höhepunkt in den Gaskammerspielchen der Mutter. Auf Einzelheiten verzichte ich an dieser Stelle. Der Vater schaute tatenlos zu und ließ den Jungen im Stich. Erst Jahre später verließ er die Familie – ohne zu helfen. Dave hatte keinen Menschen, den er um Hilfe bitten konnte. Er war einsam, auch in der Schule war er der Außenseiter, der anderen Kindern das Essen stahl und erbärmlich roch. Er lebte über Jahre hinweg in der Hölle. Sein Martyrium endete als er 11 Jahre alt war. Ein beherzter Schulleiter informierte die Polizei, die brutalen Misshandlungen und die Unterernährung des Dave Pelzer waren für ihn nicht mehr zu ignorieren. Dave kam in ein Heim.
Nach Beendigung des Buches war ich froh, den Ausgang zu so einem frühen Zeitpunkt erfahren zu haben. Dieses relativ positive Ende von Daves Geschichte ließ mich das Geschehen etwas leichter ertragen. Während des Lesens überkamen mich immer wieder Wellen der Wut und der Fassungslosigkeit – nein nicht nur im Hinblick auf die Mutter. Der Vater hat in dieser Familie eine ganz üble Rolle gespielt. Er hätte eingreifen können. Aber er hat die Augen zu gemacht, er hat ignoriert und verdrängt, nur um seine Ruhe zu haben. Am Ende blieben für mich offene Fragen zurück, als allererstes die Frage nach dem WARUM. Warum hat sich in der so „normalen“ Familie das Leben so sehr verändert? Aber diese werden sicher in den Folgebänden „Der verlorene Sohn“ und „Ein Mann namens Dave“ noch geklärt werden.
Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt und bis ins Innerste aufgewühlt. Es ist wohl mit das Schlimmste, was ich bisher gelesen habe. Das Buch habe ich beendet und zur Seite gelegt, die Geschichte des Dave Pelzer wird aber für immer in meinem Gedächtnis bleiben.
Dave J. Pelzer, geboren 1960, hat sich die Bekämpfung von Kindesmisshandlung unter dem Motto »Hilfe zur Selbsthilfe« zur Lebensaufgabe gemacht. Nach Beendigung seines Dienstes bei der U.S. Air Force unterstützt er die Arbeit verschiedener Kinderschutzorganisationen. Nicht zuletzt durch das detaillierte Offenlegen der eigenen Erfahrungen leistet er einen wichtigen Beitrag zur Sensibilisierung für dieses Thema in der ganzen Welt.
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16.2.2008 von Karthause.

Lebe deinen Traum
Reno Kassmann
Broschiert: 371 Seiten
Verlag: Bp-Verlag; Auflage
ISBN-13: 978-3939691730
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In seinem Buch „Lebe Deinen Traum“ berichtet Reno Kassmann von seinem eigenen Leben. Schon in jungen Jahren wird es ihm zu eng im Friesischen, er hörte den Ruf der großen, weiten Welt und folgte ihm. So war er oft monatelang mit dem Motorrad oder auch mal mit dem Auto in Afrika, den USA, in Kanada, und in Australien unterwegs. Kehrte er zurück in seine Heimat, hielt es ihn nur kurz dort. Meist dauerten seine Aufenthalte lediglich so lange bis er seine nächste Reise finanzieren konnte. Größere Planungen gingen seinen Fahrten nie voraus. Er ist Individualist, er braucht keine Reiseleitung, kein Hotel, keinen Luxus. Ihm genügen sein Schlafsack und die Weite des Himmels.
Reno Kassmann ist ein Biker wie er im Buche steht. Wenn er von Pisten, vom Schrauben an seiner Maschine, von Treffen mit Gleichgesinnten und seinen Frauengeschichten berichtet, ist er in seinem Element. Mir waren diese Schilderungen häufig etwas zu ausführlich. Sie gingen zu Lasten der Impressionen von den Strecken. Ich erfuhr zu wenig von den bereisten Ländern und den dort lebenden Menschen. Reno Kassmanns Buch ist aber nur zweitrangig eine Reisebeschreibung, in erster Linie ist es sein ganz persönlicher Lebensbericht. Er schildert seine Sicht auf die Dinge, die ihn bewegen mit seinen ganz individuellen Prämissen und die liegen eben nicht in der Wiedergabe von Landschaftsstimmungen.
Kassmann bedient sich im Wesentlichen einer einfachen, leicht zu lesenden Sprache. Eigentlich schreibt er, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Da kommt es auch schon mal zu eher derben oder deftigen Aussagen. Anfangs konnte ich darüber noch lächeln, im weiteren Verlauf des Buches störte es mich aber immer mehr. Hätte er den flüssigen Stil, der den Hauptteil des Buches prägt, konsequent durchgehalten, wäre meine Bewertung etwas besser ausgefallen.
Trotz der angeführten Kritikpunkte habe ich das Buch nicht ungern gelesen. In mir Stadtpflanze wurde schon ein wenig die Lust auf Ferne, Weite und Abenteuer geweckt. Ich fand es äußerst interessant, von Reno Kassmanns Lebensart zu erfahren, die sich so gänzlich von der meinen unterscheidet.
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26.1.2008 von Karthause.

Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel
Oliver Hilmes
Gebundene Ausgabe: 475 Seiten
Verlag: Siedler
ISBN-13: 978-3886807970
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„Sie war dreimal verheiratet. Vermählt war sie nur einmal. Vermählt mit ihrem Leben. Mit ihrem eigenen Leben. Dieses Leben hatte ihren Stil, ihren eigenen Wert, ihre Würde, ihre Großzügigkeit.“ Soma Morgenstern in seiner Trauerrede (Seite 419 in o.g. Biografie)
Alma Schindler wurde 1879 in Wien geboren. Schon in sehr jungen Jahren starb ihr Vater. Dieser Verlust prägte ihr Leben. Die neue Ehe der Mutter mit dem Komponisten Carl Moll sah sie als Verrat am geliebten Vater, ebenso die Geburt ihrer Halbschwester.
Im Jahr 1902 ging sie ihre erste Ehe mit dem 21 Jahre älteren Gustav Mahler ein, der die Ehe mit Walter Gropius, die später geschieden wurde und die Ehe mit Franz Werfel folgten.
Im weiteren Verlauf seiner Biografie legt der Autor den Schwerpunkt auf die Ehen, die diversen Affären und das gesellschaftliche Leben der Alma Mahler-Werfel. Oliver Hilmes analysierte Alma, wie sie nach außen erschien, versucht das Phänomen der Wirkung ihrer Persönlichkeit zu ergründen. Aber dem Menschen hinter der Fassade widmet er trotz der offensichtlich sehr umfangreichen Recherche für meine Vorstellungen zu wenig Aufmerksamkeit. Er reduziert sie auf ihre Neurosen, ihre hysterische Persönlichkeitsstruktur, ihre Machtbesessenheit, ihren Judenhass und ihr Liebesleben. Der Freundes- und Bekanntenkreis Almas umfasst die Größen des kulturellen und politischen Lebens im deutschen Sprachraum in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Alma Mahler Werfel erscheint mir als ewig Suchende. Sie war auf der Suche nach echter Zuneigung und Liebe. Vor allem suchte sie aber nach dem Sinn des Lebens, dem sie sich in jungen Jahren im Komponieren eigener Musikstücke näherte. Sie fand nie ihre innere Mitte, war ihr Leben land unausgeglichen, herrschsüchtig und suchte ihre Bestätigung durch zahllose Liebschaften. Alma Mahler-Werfel wurde schon zu Lebzeiten zu einem Mythos, zu einem, der umstrittener nicht sein könnte. Sie starb 1964 in New York.
Oliver Hilmes Biografie der Alma Mahler-Werfel ließ sich sehr flüssig lesen. Ihm gelang es, ein durchaus glänzendes Zeitbild zu zeichnen. Einziger Kritikpunkt bleibt seine Einseitigkeit bei der Betrachtung der Alma Mahler-Werfel.
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25.1.2008 von Karthause.
Schloss aus Glas
Jeannette Walls
Gebundene Ausgabe: 382 Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN-13: 978-3455080049
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„Ich nestelte an meiner Perlenkette und fragte mich, ob ich nicht doch zu elegant für diese Party angezogen war, als ich aus dem Taxifenster schaute und Mom sah, die gerade einen Mülleimer durchwühlte.“
Mit diesem ersten Satz fängt Jeannette Walls den Leser ein und nimmt in mit auf eine Reise in ihre eigene Vergangenheit. Sie berichtet aber nicht von einer wohl behüteten und umsorgten Kindheit, ihr Roman ist eine Art Schicksalsbewältigung.
Oft lebte die Familie Walls mit ihren vier Kindern ohne festen Wohnsitz. Hatten sie einen, mussten sie oft bei Nacht und Nebel fliehen, weil Rechnungen unbezahlt blieben oder der Vater wieder einmal in dubiose Geschäfte verwickelt war. Das Nichtvorhandensein von Lebensmitteln war an der Tagesordnung, ebenso der damit verbundene Hunger. Häufig mussten sich auch die Kinder ihre Nahrung in Mülleimern und Abfallkübeln suchen. Die Mutter scheute vor jeder Arbeit zurück. War es unumgänglich für sie arbeiten zu gehen, suchte sie schnell nach Ausflüchten, um ihr Leben als Möchte-gern-Künstlerin wieder aufzunehmen. Die Kinder blieben sich in jeder Beziehung selbst überlassen. Und doch hingen sie an ihren Eltern. Besonders die innige Liebe, die Jeannette ihrem trinkenden Vater entgegenbrachte, war für mich nicht immer nachvollziehbar. Ich empfand die geschilderte Lebenssituation der Familie stellenweise unerträglich. Des Öfteren schwankte ich zwischen Verwunderung und Entsetzen und stellte mir die Frage, kann das wirklich wahr sein? Was für die Kinder anfangs noch mit einem Hauch Abenteuer begann, die Aufenthalte in der Wüste und der Unterricht durch die Eltern hatten zweifelsohne ihre schönen Seiten, endete in chaotischsten Verhältnissen. Aber immer hatte der Vater den Traum, der Familie ein Schloss Glas zu bauen, den er jedoch nie realisieren konnte. Es war ihm oft schon unmöglich die Miete für das Haus, das nicht mehr als ein baufälliger Schuppen war, zu zahlen. Um so erstaunlicher ist es, wie die Kinder den Absprung von ihrem Außenseiterdasein schafften.
Jeannette Walls beschreibt ihre Kindheit mit sehr großer Distanz und für meinen Geschmack zu unpersönlich. Die Ereignisse wirkten wie aneinander gereiht. Das hatte zur Folge, dass ich besonders im Mittelteil des Buches ein paar Probleme hatte, Emotionen aufzubauen. Im letzten Teil war das dann wieder anders. Mit der wachsenden Hoffnung der Kinder, dem Elend zu entkommen, kam auch meine Lesefreude zurück.
Alles in Allem ist „Schloss aus Glas“ ein flüssig zu lesendes Buch mit einer interessanten Sprache, zwischen Lachen und Weinen, die aber nie weinerlich wird.
Geschrieben in 2008, Biografie/Erfahrungen | 1 Kommentar »
20.1.2008 von Karthause.
Die Analphabetin
Agota Kristof
OT: L’Analphabète
Broschiert: 75 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492249027
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„Ich kann die Wörter. Wenn ich sie lese, erkenne ich sie nicht.“
Der Klappentext des Buches war viel versprechend. Eine junge Frau flüchtet mit Mann und Kind 1956 aus Ungarn, über Österreich kommen sie schließlich in die französisch sprechende Schweiz. Ihr, die leidenschaftliche Leserin war, fehlen plötzlich die Worte. Sie fühlt sich als Analphabetin.
Kurze Knappe Sätze prägen diese Erzählung. Der Stil ist schon als minimalistisch zu bezeichnen. So blieb kaum Platz in den wenigen das Buch umfassenden Seiten, um die Gefühle der Autorin zu beschreiben und Emotionen beim Leser zu wecken. Die Geschichte von Agota Kristofs Leben beschränkt sich auf das Allerwesentlichste. Es wird kein Wort zuviel verwendet. Aber nicht immer ist weniger mehr. Ich vermisste die Tiefe in diesem Buch. Zu den in „Die Analphabetin“ beschriebenen Personen fand ich keine Beziehung. Durch die Kürze des Textes fehlte eine Charakterisierung und ihre Gesichter blieben für mich leer. Einzig die Liebe der Autorin zum geschriebenen Wort konnte zum Ende hin nachvollziehen, als sie beginnt, die neue Sprache zu sprechen und sie aber weder lesen noch schreiben kann.
Schade, aus dieser Thematik hätte deutlich mehr gemacht werden können.
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31.12.2007 von Karthause.
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„Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon.“ Psalm 90, Vers 10
Am 01. November 1857 wurde Theres (Resl) Heimrath, verheiratete Graf, unweit des Starnberger Sees geboren. Sie war das vierte von neun Geschwistern. Graf erzählt in diesem Buch aber nicht nur vom Leben seiner Mutter, sondern auch vom Leben seines Vaters, seiner Großeltern und seiner Geschwister. Der zweite Teil des Buches ist stark autobiografisch geprägt, denn von da an erzählt Graf auch die Geschichte seines Lebens.
Er beschreibt das Leben der einfachen Leute und zeigt die Härte und Mühsal des Alltags ungeschönt auf. Er berichtet vom Glauben und vom Aberglauben, vom Festhalten wollen an Bewährtem und der Furcht vor Neuerungen. Gleichzeitig beschreibt er in gut bemessenen Einschüben das Zeitgeschehen. Er zeigt auf das ausschweifende Leben am Hof Ludwig II., benennt die Folgen der Politik Bismarcks und der deutschen Kaiser und wirft einen kritischen Blick auf den aufkeimenden Nationalsozialismus einschließlich der Folgen der Machtergreifung der Nazis. All dies verbindet er eng mit dem Leben der Grafs und der Heimraths.
Oskar Maria Graf hat ein sehr ruhiges Buch ohne jede romantische Verklärung geschrieben. Vieles was er beschreibt, erscheint unter heutigen Umständen unvorstellbar (es sind ja nur etwa 100 Jahre vergangen) und die Frage, wie hätte ich mich in der damaligen Zeit unter diesen Bedingungen und mit der entsprechenden Erziehung geschlagen, drängte sich mir mehrmals auf. Aber nicht nur von der Härte der Arbeit wird berichtet, auch die Sitten und der Umgangston sind rau und ungewohnt. Als die Grafs es mit ihrer Bäckerei „geschafft“ hatten, hätte Resl problemlos ein leichteres Leben führen können, aber sie arbeitet unermüdlich. Sie kann nicht anders. Arbeiten und Beten sind für sie der Lebensinhalt.
„Sie will gar nicht, daß es ihr einmal gut geht. … sie hat gar nie richtig gelebt wie ein anderer Mensch.“ S. 508/509
Bemerkenswert fand ich wie Graf die Personen in diesem Buch zeichnete. Jeden einzelnen Charakter brachte er mir nahe. Resl mit ihrer Duldsamkeit und Frömmigkeit hat mich ebenso beeindruckt wie ihr derber Maxl.
„Das Leben meiner Mutter“ habe ich über die Weihnachtsfeiertage gelesen. Es war ein sehr passendes Buch für diese besinnliche Zeit. Ein Buch, das nachdenklich werden lässt und bei dem man den eigenen Wohlstand schätzen lernt. Es war ein Buch an das ich auch in hektischeren und stressbeladeneren Tagen gern zurück denken werde.
“Wenn alle meine Bücher vergehen, dieses Buch schreibt mir keiner nach und dies Buch bleibt. Dös glaub’ i bestimmt.” Oskar Maria Graf über „Das Leben meiner Mutter“
Taschenbuch: 670 Seiten
Verlag: Dtv
ISBN-13: 978-3423100441
Gelesen: Dezember 2007
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26.12.2007 von Karthause.
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Im Jahr 1969 kommt Vikram Seth von Indien nach London, um dort zu studieren. Unterkunft findet er bei seinem Onkel Shanti und dessen deutschen Frau Henny, einer Jüdin. Beide lernten sich während Shantis Studienzeit im Berlin der 1930-er Jahre kennen. Das anfangs recht distanzierte Verhältnis zu Onkel und Tante weicht nach und nach einer innigen Verbundenheit.
Als Henny in den 80-er Jahren stirbt, bleibt Vikram Seth bei Shanti und in ihm reift der Entschluss, das bewegte Leben dieser zwei großartigen Menschen in einer Biografie aufzuarbeiten.
Durch die ausführlichen Interviews mit seinem Onkel, die Befragung anderer Zeitzeugen und die Sichtung der Briefe und persönlichen Unterlagen nähert sich Vikram Seth den Verwandten an. Er beschreibt das Leben Shantis und seiner Familie in Indien und seinen Weg bis nach London. Er zeigt die Schwierigkeiten auf, denen die Jüdin Henny in Nazideutschland ausgesetzt war, bis es ihr endlich, 6 Wochen vor Kriegsbeginn, gelang, nach Großbritannien zu fliehen.
Eng verbunden mit dem Leben von Shanti und Henny verarbeitet der Autor gekonnt die historischen Fakten. So entstand mit der Biografie ein beeindruckendes Zeitbild des 20. Jahrhunderts. Seth beschränkte sich aber nicht allein auf die Aufzählung geschichtlicher Ereignisse, er analysierte und zog äußerst interessante Schlussfolgerungen, die dieses Buch noch bereichern. Grundlage dafür kann nur eine äußerst akribische Recherche sein.
Es war nicht immer einfach, sich im weit gefächerten Freundeskreis von Shanti und Henny zurecht zu finden, oder die indischen Familienverhältnisse sofort zu durchschauen, da mir bei den ausführlichen Erzählungen Vikram Seths manchmal der rote Faden etwas verschwamm.
Mit dieser Biografie setzt er den beiden ein Denkmal. Mich hat dieses Buch sehr beeindruckt , ich habe Zugang zum Leben zwei mir völlig fremder Menschen bekommen. Während des Lesens wurden sie zu meinen Freunden. „Zwei Leben“ ist die eindrucksvollste Biografie, die ich bisher gelesen habe, vielleicht auch deshalb, weil nicht das Leben von berühmten Künstlern oder Politikern beschrieben wurde, sondern das Augenmerk auf ganz „normalen“ Mitmenschen gelegen hat.
Ich habe dieses Buch sehr gern gelesen, besonders gut hat mir die Sicht des Autors auf die Rolle Deutschlands im Verlauf des letzten Jahrhunderts gefallen. Seine Gedankenansätze waren es wert länger darüber nachzudenken. Vikram Seth ist ein großer Erzähler, ich freue mich auf die weiteren Bücher, die ich von ihm unbedingt lesen möchte.
Gebundene Ausgabe: 544 Seiten
Verlag: Fischer (S.), Frankfurt
ISBN-13: 978-3100725219
Gelesen: Dezember 2007
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9.11.2007 von Karthause.
In den letzten Kriegsmonaten prägen Bombenangriffe auf Attenberg im Bergischen Land das Leben der 7-jährigen Agnes. Sie kennt nichts anderes als Krieg. Dann ist er auf einmal vorbei, aber ihre Heimatstadt liegt in Trümmern und die Familie muss hungern. Agnes, aus deren Sicht das Buch geschrieben ist, wird langsam älter und wird zu einer guten Beobachterin ihrer Umgebung. Sie erzählt ganz ungezwungen, immer in einem einfach gehaltenen Stil, der die Gedanken einer Heranwachsenden am besten widerspiegelt, vom Alltag in ihrem kleineren und größeren Umfeld. Dabei wird ein Stück Zeitgeschichte auf eine eindrucksvolle und vor allem glaubwürdige Weise beschrieben, Leser, die diese Zeit nicht miterlebten, können sich während der Lektüre ein recht passables Bild vom Leben und Denken im Nachkriegsdeutschland machen. Gefallen haben mir die teils unbequemen Fragen, die Agnes z. B. zum Verbleiben des jüdischen Mannes von Ines Simon stellt und wie sie sich gegen das Schweigen wehrt.
Obwohl ich mit Agnes selbst in diesem autobiographisch geprägten Roman nicht so richtig warm wurde, hat mir das Buch recht gut gefallen. Am Beispiel des Ortes Attenberg ließ Asta Scheib die deutsche Nachkriegszeit Revue passieren. Die Beschreibungen dieser Zeit waren eindringlich, einfühlsam, informativ und sehr interessant. Damals wurde nicht diskutiert oder gejammert, jeder packte mit an und das Wirtschaftswunder begann zu werden. „Sei froh, dass du lebst“ ist ein Roman mit einem ernsten Hintergrund, der aber auch mit einem Augenzwinkern aufwarten kann.
Gebundene Ausgabe: 317 Seiten
Verlag: Rowohlt, Berlin (2001)
ISBN-13: 978-3871344213
Gelesen: November 2007
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6.11.2007 von Karthause.
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Tagebücher und Briefe
Im Sommer 1976 bestätigt sich der schlimme Verdacht, den Maxie Wander hegt. Sie ist an Brustkrebs erkrankt. Anhand ihrer Tagebuchaufzeichnungen und Briefe begleitet der Leser sie während dieses Lebensabschnittes. Dabei ist ihre Erkrankung nur ein Thema von vielen. Sie schildert ihren Alltag in der damaligen DDR und gewährt dem Leser einen Einblick in ihr schriftstellerisches Leben.
Ich habe ihr Buch, welches von Fred Wander, ihrem Ehemann, nach ihrem Tod herausgegeben wurde, fast in einem Zug gelesen. Jede Unterbrechung empfand ich als störend. Durch ihre Offenheit empfand ich zu Maxie Wander eine ganz große, fast unheimliche Nähe. Beeindruckend fand ihren selbstkritischen und selbstironische Umgang mit der eigenen Person, sie hinterfragte die Positionen, die sie sowie ihre Verwandten und Freunde vertraten. Ihre Gedanken über das Glück und den Sinn des Lebens haben mich sehr angesprochen. Trotz des teilweise ungewohnten Dialektes, sie war Wienerin, hat mir der Stil ihrer Aufzeichnungen sehr gut gefallen. „Leben wär’ eine prima Alternative“ ist ein bemerkenswertes Buch, es hat mich unwahrscheinlich gefesselt und im tiefsten Inneren berührt.
Ich möchte gern mehr über diese starke, beeindruckende Frau erfahren und demnächst von Sabine Zurmühls Biografie von Maxie Wander „Das Leben, dieser Augenblick“ lesen.
Taschenbuch: 278 Seiten
Verlag: Dtv (Juni 1994)
ISBN-13: 978-3423118774
Gelesen: November 2007
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30.10.2007 von Karthause.
Als Bettina Eistel im Jahr 1961 geboren wurde, herrschte eisiges Schweigen an Stelle von Freude im Kreißsaal. Bettina kam ohne Arme auf die Welt, geschädigt durch Contergan. Doch vom ersten am hat sie einen enormen Willen zum Leben. Unterstützt wurde sie immer von ihren Eltern, die viele Kämpfe mit Ärzten und Behörden durchstehen mussten, um ihrer Tochter ein Leben zu ermöglichen, wie es Kinder ohne Handicap führen. Leider gab es in den 60-er Jahren kaum eine Unterscheidung zwischen körperlicher und geistiger Behinderung. Aber auf ihrem Weg fand die Familie Eistel immer wieder Menschen, die sie unterstützen, so dass es Bettina ermöglicht wurde, ihr Abitur zu machen und ein Studium zu absolvieren.
Durch ihre hochbegabte Schwester wurde sie auf einen Ponyhof mitgenommen, sofort fühlte Bettina sich zu diesen Tieren hingezogen. Aus dem Umgang mit den Pferden zog sie viel Kraft für den oft schwierigen Alltag. Bei den Paralympics in Athen im Jahr 2004 wurde sie die erfolgreichste deutsche Dressurreiterin.
Als ich dieses Buch zu lesen begann, habe ich nicht erwartet, dass mir so viel Lebensfreude entgegen strömen würde.
Bettina Eistel schreibt in einem angenehm unterhaltenden Stil, als würde man mit ihr ein persönliches Gespräch führen. Dazu kommen fundierte Informationen zur Conterganproblematik Das Buch enthält eine Aufstellung mit zu erwartenden Folgen des Contergans in Abhängigkeit davon, an welchem Tag der Schwangerschaft das Medikament eingenommen wurde. Diese Liste erschütternd, ebenso wie einige von Frau Eistel wiedergegebenen Diskussionen mit Mitmenschen, Ärzten oder Mitarbeitern von Behörden.
Ihre Art von Humor und ihre lebensbejahende Einstellung haben mir imponiert. Ganz besonders erwähnen möchte ich ihren Ehrgeiz, der sie zu dieser ungewöhnlichen, beeindruckenden Persönlichkeit machte.
Immer wieder geht Bettina Eistel darauf ein, welche Bedeutung ein unvoreingenommener Umgang mit Behinderten hat und wie wichtig es ist, persönliche Träume zu realisieren.
Dieses Buch habe ich mit viel Interesse gelesen. „Das ganze Leben umarmen“ ist ein Erfahrungsbericht der besonderen Art, informativ und unterhaltsam, beeindruckend und humorvoll.
Gebundene Ausgabe: 299 Seiten
Verlag: Ehrenwirth; Auflage: 1 (Februar 2007)
ISBN-13: 978-3431037104
Gelesen: August 2007
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29.10.2007 von Karthause.
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Die 16-jährige Marina wurde im christlichen Glauben erzogen. Seit zwei Jahren ist Ayatollah Khomeini an der Regierung. Seit zwei Jahren gab es islamische Indoktrinierung und Religionswächter. Für Marina Nemat war das gleichbedeutend mit großen Einschränkungen im täglichen Leben, die die Schülerin nur bedingt bereit war hinzunehmen. Sie arbeitete gemeinsam mit anderen Schülern an einer Schülerzeitung, deren Beiträge nicht systemkonform waren, daraufhin stand sie unter Beobachtung und wurde schließlich verhaftet und ins berüchtigte Evin-Gefängnis verschleppt. Dort wurde sie gefoltert und zum Tode verurteilt. Der Vollstreckung des Urteils konnte sie durch ihre Heirat mit einem Aufseher entgehen.
Dieses Buch habe ich fast an einem Stück gelesen, ich konnte es kaum aus der Hand legen. Es ist für mich immer wieder unfassbar was Menschen anderen Menschen unter dem Deckmantel der “einzig richtigen” Überzeugung antun können. Wenn ich dann noch daran denke, dass Marina erst 16 Jahre alt war als sie das Grauen erleben musste, fehlen mir die Worte.
Marina Nemat hat ihre Gefühle sehr eindringlich geschildert. Ihr Bericht ist zutiefst erschütternd. Die einfache Sprache hat ihre Empfindungen meines Erachtens noch verstärkt. Sie ist ihren Weg gegangen, für mich nachvollziehbar, kämpfte mit Stolz und Angst. Bestürzt war ich aber über das Verhältnis zu ihren Eltern, das nach ihrer Entlassung deutlich wurde.
Zu Beginn des Buches sind immer wieder Geschichten aus Marinas Kindheit eingefügt. Das fand ich sehr angenehm. So wurde der Schrecken des Gefängnisalltags immer wieder ausgeblendet und ich konnte durchatmen. Denn was in der Haft geschah, sowohl mit ihr als auch mit ihren Mitgefangenen, ist kaum vorstellbar.
In diesem Buch wurde der Focus auf das Evin-Gefängnis in Teheran gelenkt, aber wie viele Haftanstalten gibt es weltweit, in denen Willkür herrscht, gefoltert und gemordet wird. Mich stimmt das sehr traurig und nachdenklich.
Dieses Buch bekommt meine uneingeschränkte Empfehlung, es ist absolut lesenswert.
Gebundene Ausgabe: 390 Seiten
Verlag: Weltbild Buchverlag; Auflage: 1 (Mai 2007)
ISBN-10: 3898976319
ISBN-13: 978-3898976312
Gelesen: Juli 2007
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29.10.2007 von Karthause.
Von einer Bekannten wurde mir dieses Buch empfohlen. Ich habe es gelesen und war am Ende doch recht enttäuscht.
Für Petra Gerster war der 50. Geburtstag Anlass Bilanz zu ziehen, zurückzublicken auf ein halbes Jahrhundert, das sie miterlebt hat und vorauszuschauen auf das, was vor ihr liegt.
Der autobiografische Teil war noch recht nett zu lesen. Petra Gerster schrieb mit Wortwitz und viel Charme. Da kam schon die eine oder andere Situation, in der ich dachte, stimmt, daran kann ich mich auch erinnern.
Im zweiten Teil, in dem es dann um die 50+ Problematik geht, blieb das Buch meines Erachtens sehr oberflächlich. Ich hatte mir mehr davon versprochen. Dazu kommt, dass die Autorin aus einem Erfahrungspool schöpft, der mich eigentlich so gar nicht interessiert. Die Fernsehwelt ist für mich eher eine Scheinwelt, eben die Welt des schönen Scheins und von diesem Buch erwartete ich mehr als die Bedienung gängiger Klischees, Schönheitsoperation, Schlanksein, Jugendlichkeit. Sie ging zwar auch auf andere Themen ein, z. B. wie es ist, wenn die Kinder sich abnabeln, oder welche Aussichten frau über 50 noch hat. Das kam mir aber deutlich zu kurz.
Für mich war dieses Buch nur im ersten Abschnitt lesenswert. Dem folgenden Teil konnte ich für mich recht wenig entnehmen. Ich bin mir auch nicht im Klaren in welches Genre ich dieses Buch einordnen kann. Biografie – war es nur zu Beginn. Ratgeber – war es für mich nicht. Sachbuch – trifft es auch nicht.
Gebundene Ausgabe: 288 Seiten
Verlag: Rowohlt, Berlin
ISBN-10: 3871345334
ISBN-13: 978-3871345333
Gelesen: Juli 2007
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29.10.2007 von Karthause.
Etliche Werke von Goethe habe ich sehr gern gelesen. Seine Gedichte liebe ich. Aber wie ist der Mensch Goethe, mit wem teilt er sein Leben und seine Gedanken? Kann ich den Menschen Goethe mit dem Zitat von ihm „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, das bei bloßer Nennung des Dichterfürsten sofort in meinem Kopf spukt, identifizieren. Christiane Vulpius fällt mir ein, sein “Bettschatz” und spätere Ehefrau. Ich wollte mehr wissen, deshalb kam mir der Tipp von Wirbelwind gerade recht.
Christiane Vulpius (eigentlich Christiana) war mir bis dahin nur als „ein rundes Nichts“ (Charlotte v. Schiller) bekannt, die ihr Leben im Hintergrund führte. Sigrid Damm zeigte mir eine ganz andere Christiane als ich sie erwartete. Sie belegte mit Briefen und diversen historischen Dokumenten, dass Christiane eine anpackende, couragierte und leidenschaftliche Frau war. Sie hielt Goethe den Rücken frei, ermöglichte ihm dadurch ein ungestörtes Schaffen. Sie verwaltete seine Ländereien und führte seinen Haushalt. Sie liebte das Leben in allen Facetten, das Essen und das Trinken, das Tanzen und das Reisen und die Liebe. Mit fortschreitenden Alter bekam sie Depressionen, häufig begleiteten sie nun Krankheiten und über den Tod von 4 ihrer Kinder, die scheinbar gesund zur Welt kamen und nur wenige Tage nach der Geburt starben, kam sie nie ganz hinweg.
Aber mit jeder Seite, die ich in diesem Buch las, wandelte sich auch mein Goethe-Bild. Er war ehrgeizig, verfolgte seine dichterischen, politischen und wissenschaftlichen Ziele bis zur Besessenheit. In seinem Ehrgeiz war sein Egoismus maßlos. Er hungerte nach Anerkennung und Erfolg. Blieb dieser aus oder gab es für ihn unangenehme Situationen flüchtete sich der große Dichter in (eingebildete) Krankheiten, so auch beim Tod Christianes. Auf seinen diversen Reisen und Kuren tankte er neue Energie. Er ließ sich von der Natur und den Damen der Gesellschaft inspirieren, die auch mal mehr als nur ein Äuglein für ihn waren.
Christianes Leben war nicht leicht. 18 Jahre lebte sie die freie Liebe. Der gemeinsame Sohn August war bereit 17 Jahre alt, als das Verhältnis legitimiert wurde. Für das Weimar der damaligen Zeit war diese „wilde Ehe“ ein noch nie da gewesener Skandal. Aber beide setzten sich über geltende Konventionen und Etikette hinweg und lebten ihre Liebe. Ich bin jetzt nach dem Lesen dieses Buches fest davon überzeugt, dass sowohl für Christiane als auch für Goethe die große Liebe war. In einigen Briefen, manchmal auch nur zwischen den Zeilen, fand ich Beweise dafür.
Sigrid Damm hat mich mit ihrer Recherche sehr beeindruckt. Sie analysiert die historischen Hintergründe ebenso wie die noch erhaltenen Dokumente aus der damaligen Zeit. Damit schafft sie ein eindrucksvolles Zeitbild des Weimar zur Goethezeit. Gut gefallen haben mir die immer wieder eingefügten Originaltexte. Das erforderte beim Lesen zwar mehr Konzentration, macht aber die Recherche äußerst lebensnah. An einigen wenigen Stellen verlor sie den dokumentarischen roten Faden und stellte eigene Spekulationen an. Im Großen und Ganzen hielt sie aber den authentisch-rationalen Erzählstil durch.
Selten habe ich eine Biographie gelesen, die so spannend und zugleich so informativ geschrieben wurde, dass mich das Buch auch in den Gedanken nicht los ließ. Ich freute mich auf jede neue Lesestunde und fieberte darauf, die neuen Beiträge meiner Mitleserinnen der kleinen Leserunde zu lesen.
Dieses Buch ist auf jeden Fall ein Lesetipp, der Lust macht, mehr von der Familie Goethe zu erfahren.
Gebundene Ausgabe: 540 Seiten
Verlag: Insel, Frankfurt; Auflage: 21., unveränd. Aufl. (2000)
ISBN-10: 3458169121
ISBN-13: 978-3458169123
Gelesen: Mai 2007
Geschrieben in 2007, Biografie/Erfahrungen, Meine Besten | 1 Kommentar »