19.8.2008 von Karthause.

Der Ich-Erzähler Franz Ferdinand Trotta, Enkel des Bruders des Helden von Solferino und somit aus dem nicht geadelten Zweig der Familie, erzählt die Geschichte der Trottas weiter. Er beginnt kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges und endet mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Dieser Roman ist faktisch die Fortsetzung von Roths „Radetzkymarsch“.
War der Untergang der Donaumonarchie im „Radetzkymarsch“ das bestimmende Thema, greift Roth in „Kapuzinergruft“ weiter und die Zeit nach dem Ende der Monarchie wird als ein schwieriger Neuanfang mit melancholischen, teils traurigen, aber immer sehr schönen Worten beschrieben.
Franz Ferdinand erbte von seinem Vater ein nicht unerhebliches Vermögen, welches dieser während seiner Zeit in Amerika machte. Franz Ferdinand liebte das Leben, besonders die Freuden desselben. Er war leichtsinnig, genoss es, Geld zu haben und dieses ohne nachzudenken ausgeben zu können. So lebt er die Nacht und verschläft den Tag. Er nach dem Besuch seines Vetters, dem Maronibrater Joseph Branco Trotta, wird er etwas nachdenklicher. Als während seines Besuches in Zlotogrod der Krieg ausbricht, entschließt sich Franz Ferdinand, mit Joseph Branco und dessen Freund, dem Fiaker Reisinger, Seite an Seite zu kämpfen und sich von seinen alten Lebefreunden zu trennen.
Franz Ferdinand Trotta zeigt nie großen Elan, wenn es gilt etwas zu bewältigen. Aber nach seiner Rückkehr aus dem Krieg verharrt er förmlich in Erstarrung. Seine größte Tat scheint mir die Zeugung seines Sohnes zu sein. Auch sein gesamtes Umfeld wirkt verstört, ratlos, als hätte es den Boden unter den Füßen verloren. Alle diskutierten mehr als sie sich betätigen. Man versucht zwar einen Neuanfang nachdem das Kurzwarengeschäft missglückt war. In einem zweiten Anlauf wird mit dem Umbau des Hauses der Trottas zur Pension begonnen. Aber ständig hatte ich den Eindruck, alles geschehe halbherzig, eine gewisse Resignation und die Trauer um die gute alte Zeit, die so unwiderruflich vorüber ist, war spürbar. Recht sorglos wurden Hypotheken aufgenommen und Schecks ausgestellt. Glücksritter hatten ihre große Stunde und die Gutgläubigen zahlten drauf. So ganz kann man sich noch nicht von der dekadenten Lebensweise der Vorkriegszeit lösen, wo es ums Leben ging und nicht ums Geld. Von letzteren gab es genug, die Lebenszeit war schließlich begrenzt.
Eine ganz besondere Rolle kommt der Mutter des Franz Ferdinand zu. Sie lebt ihr Leben in festen Ritualen und Ansichten. Sie lebt die Tradition, das Althergebrachte. Sie darf ehrwürdig sterben, während eine hoffnungs- und ziellose Generation planlos zurück bleibt.
So steht auch die Kapuzinergruft, die letzte Ruhestätte der österreichischen Kaiser, für den Untergang des Reiches. Die ehemaligen Untertanen bleiben gefühlt führerlos zurück. Mit der neuen Republik können sie nicht anfangen. Alles ist im Zerfall begriffen. Kulturelle Werte und Traditionen gelten nicht mehr, sogar die Adelstitel wurden abgeschafft. Auch das Geld, von dem in früheren Zeit immer ausreichend vorhanden war, verliert unaufhaltsam seinen Wert.
„Kapuzinergruft“ empfand ich als noch melancholischer als „Radetzkymarsch“. Bei Letztgenanntem spürte ich noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So endet dieses Buch mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und für mich steht das gleich mit Hoffnungslosigkeit. Sehr deutlich wurde die Sehnsucht nach der Monarchie.
Wieder hat mich die sprachliche Gestaltung eines Joseph-Roth-Romans fasziniert. Die Emotionen, die er mit ein paar Sätzen zu erwecken vermag, finde ich bei manch anderem Autoren nicht in ganzen Büchern. Mit seinen Worten und den ausgefeilten, manchmal auch verschachtelten Sätzen lässt der Autor Bilder in meinen Gedanken entstehen und verleiht den Personen seines Romans Leben. Die von einer dichten Atmosphäre getragene Traurigkeit war für mich körperlich greifbar.
Ein wenig haben mich die Namensgleichheiten zu Personen aus „Radetzkymarsch“ irritiert, die aber personell nicht untersetzt waren. Einen Grafen Chojnicki und einen Diener namens Jacques gab es in beiden Romanen, es waren aber nicht die gleichen Personen. Mir ist nicht recht klar geworden, was Joseph Roth mit diesem Kunstgriff bezwecken wollte.
Mein Fazit: „Kapuzinergruft“ ist ein äußerst lesenswerter Roman, der ein anschauliches Sittenbild der jungen österreichischen Republik zeichnet. Joseph Roth ist mit diesem Buch nun endgültig in meinen ganz persönlichen Autoren-Olymp eingezogen.
Gebundene Ausgabe: 189 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462036459
Geschrieben in 2008, Klassiker/Weltliteratur | Keine Kommentare »
7.8.2008 von Karthause.

“Mein Buch ist kein Buch über Politik. Es ist ein Buch darüber, wie Politisches sich bis aufs kleinste auf das Leben jedes Einzelnen auswirkt” (Jung Chang)
Jung Chang erzählt in ihrem Roman „Wilde Schwäne“ die Geschichte ihrer Familie im 20. Jahrhundert aus der Sicht der Frauen, welche auch einen tiefen Einblick in die chinesische Geschichte und Politik gestattet.
Yufang, Jung Changs Großmutter, wurde 1909 geboren. Sie ist die einzige, die die Kaiserzeit noch erlebt hat und die Letzte, die sich wegen des geltenden Schönheitsideals der Lotosfüße ihre gesunden Füße brechen und binden lassen musste. Das bereitete ihr lebenslange Qualen. Die soziale Stellung der Familie war nicht sonderlich gut, Yufangs Vater war aber ehrgeizig und so verkaufte er seine Tochter an den mächtigen, aber deutlich älteren General Xue als Konkubine.
Erst nach Jahren, mit dem Tod des Generals, erhielt sie ihre Freiheit und die der 1931 geborenen Tochter, Baoqin, wieder. Später lernt Yufang den Arzt Dr. Xia kennen. Gegen den Willen seiner erwachsenen Kinder heiraten sie.
Das Kaiserreich ist zerfallen und das Land von den Japanern besetzt. Diese herrschen mit äußerster Gewalt. Es folgt die „Befreiung“ durch die Kuomintang, deren führender Kopf ist Chiang Kai-shek ist. Dieser führte die Menschen in einen erbitterten Bürgerkrieg mit den Kommunisten unter der Führung von Mao Zedong.
Baoqin, Changs Mutter, ist auf der Seite der Kommunisten, sie erhofft sich von ihnen ein Ende von Gewalt und Hunger. Zunächst scheint es auch zu einer Verbesserung der Lebensumstände zu kommen, da sich die Versorgung mit Lebensmitteln deutlich verbessert. Aber langsam werden persönliche Freiheiten immer mehr eingeschränkt, die Rolle des Einzelnen und der Familie wird immer mehr in den Hintergrund gedrängt, dem Staat werden alle Interessen untergeordnet. Mao ist der alleinige Führer. Einen Geheimdienst braucht er nicht. Er benutzt das Volk. Denunziationen, Anklageversammlungen und Verhaftungen sind an der Tagesordnung. Auch Jung Changs Familie ist davon betroffen. Sie werden als Kapitalistenhelfer abgestempelt.
Unter diesen politischen Verhältnissen wächst die 1952 geborene Jung Chang auf. Die Eltern versuchen zwar ihr möglichstes, werden aber auch diffamiert und in Folge dessen inhaftiert. Die Familie leidet unter den Auswirkungen des „großen Sprungs nach vorn“ ebenso wie unter der Kulturrevolution und den ständigen Anklagen, Kapitalistenhelfer zu sein. Ende der 60er Jahre wird die Familie auseinander gerissen und zur Umerziehung aufs Land geschickt.
Die Verhältnisse bessern sich erst nach dem Tod von Mao. Dann erhält Jung Chang die Möglichkeit eines Universitätsstudiums. Unter immer noch widrigen Umständen studiert sie Englisch, aber es stehen vielmehr Propaganda und Politik auf dem Studienplan als die Fremdsprache selbst. Mit viel Eigeninitiative und ungeheurem Ehrgeiz schafft es Jung Chang eine der besten zu werden. Ganz langsam beginnt auch bei der chinesischen Regierung ein Umdenken. Es gibt eine vorsichtige Öffnung des Landes nach außen und Jung Chang wird die erste chinesische Studentin, die ein Stipendium für ein Studium im Ausland bekommt. 1988 verlässt sie China und setzt ihr Studium in London fort.
„Wilde Schwäne“ ist ein überaus interessantes Buch. Jung Chang schildert ungeschminkt die Lebensumstände im China des 20. Jahrhunderts. In einer einfachen, sachlich nüchternen Sprache berichtet sie vom Leben ihrer Familie. Manchmal hat mich dieser Stil etwas gestört und ich hätte mir ein mehr an Emotionen gewünscht. Das mindert aber nicht die Bedeutung dieses Buches. „Wilde Schwäne“ ist ein wichtiges Buch, weil es tiefe Einblicke in eine uns doch recht verschlossene Welt gibt. Jung Changs Buch ist auch heute noch in China verboten.
Taschenbuch: 732 Seiten
Verlag: Droemer Knaur
ISBN-13: 978-3426711484
Geschrieben in 2008, Biografie/Erfahrungen | 2 Kommentare »
2.8.2008 von Karthause.
Im Juli hatte ich die totale Abwechslung beim Lesen. Gut und interessant waren alle Bücher. „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth war aber das absolute Lesehighlight.
640 Seiten Blackmail - Iles, Greg
510 Seiten Das Hexenmal – Zinßmeister, Deana
311 Seiten Ostfriesenkiller – Wolf, Klaus-Peter
732 Seiten Die wilden Schwäne – Chang, Jung
416 Seiten Radetzkymarsch – Roth, Joseph
2.609 Seiten
Geschrieben in Lese-Statistik | Keine Kommentare »
29.7.2008 von Karthause.

Inhaltsangabe (Achtung! Hier wird der gesamte Inhalt wiedergegeben.)
1859 rettete der aus bäuerlichen Verhältnissen stammende, junge Infanterieleutnant Joseph Trotta Kaiser Franz Joseph I. in der Schlacht von Solferino das Leben. Die für den Kaiser bestimmte Kugel traf den Leutnant in die Schulter. Aus Dankbarkeit verlieh ihm der Kaiser den Maria-Theresia-Orden, beförderte ihn zum Hauptmann und erhob ihn in den Adelsstand. Jahre später, Joseph von Trotta und Sipolje war inzwischen verheiratet und hatte einen Sohn, Franz. Als er im Lesebuch seines Sohnes die Geschichte seiner Heldentat völlig verändert las. Er bat um eine Audienz beim Kaiser und trug ihm seine Beschwerde vor. Franz Joseph versuchte ihn zu beschwichtigen und riet ihm, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Joseph von Trotta zog für sich die Konsequenzen und schied als Major und in den Freiherrenstand erhoben aus dem Militär aus.
Seinen herangewachsenen Sohn drängte er in eine Beamtenkarriere. Franz studierte Jura und wurde später Bezirkshauptmann in einer Stadt in Mähren. Der Held von Solferino war zwischenzeitlich verstorben, Baron Franz von Trotta und Sipolje führte das regelmäßige Leben eines Beamten der k.u.k. Monarchie. Am Sonntagmorgen erklang der Radetzkymarsch, am Mittag gab es Tafelspitz, am Nachmittag kam der Kapellmeister zu den von Trottas auf Besuch.
Sein Sohn Carl Joseph von Trotta ging nach Beendigung der Schule zum Militär. Bei den Ulanen lebte er zwischen Exerzierplatz und Kasino, auf dem Klavier des Bordells wurde immer wieder der Radetzkymarsch gespielt. Aber Carl Joseph fand in seinem Leben beim Militär keine Erfüllung. Er sehnte sich nach einfachen Arbeiten auf dem Land. In seinem Regiment lernte er den Arzt Max Demant kennen. Beide wurden Freunde. Für Max war das wohl der einzige Freund, den er je hatte. Unglückliche Umstände führten dazu, dass Demant in einem Duell ums Leben kam. Carl Joseph hinterließ er seinen Säbel und seine Taschenuhr. Weil Carl Joseph eine Mitschuld am Tod seines Freundes sah, ließ er sich in das in Grenznähe zu Russland stationierte Jägerbataillon versetzen. Dort tickten die Uhren anders. Der Kaiser wurde salopp nur Franz Joseph genannt, wenn von ihm die Rede war und der Graf Chojnicki sah bereits die Monarchie zerfallen. Carl Joseph tappte blauäugig in eine Schuldenaffäre. Das hatte einen erheblichen Ehrenverlust zur Folge und er musste mit der unehrenhaften Entlassung aus dem Militär rechnen. Aber noch immer schützte der Kaiser die von Trottas. Er ließ die Sache erledigen. Die Heldentat des Großvaters zahlte sich noch immer aus. Nachdem der Kaiser die unsäglich Affäre um Carl Joseph beendet hatte, die Schulden beglichen waren und Kapturak die Garnisonsstadt verlassen hatte, quittierte der Enkel des Helden von Solferino den Dienst. Vom Grafen Chojnicki bekam er ein Häuschen zugeteilt, dass er sich mit dem Förster teilen musste. Er kümmerte sich nun um die Abrechnungen des Grafen. Ich hatte den Eindruck, dass er zum ersten Mal wirklich zufrieden war. Er hatte seine Scholle gefunden. Aber dann kam der Krieg und er nahm die Uniform wieder und ging zu seinem Jägerbataillon zurück. Nach einem langen Marsch war die Truppe durstig. Carl Joseph von Trotta ging zum Brunnen, um Wasser zu holen. Auf dem Rückweg trafen ihn feindliche Kugeln. Er fiel nicht mit dem Gewehr in der Hand, sondern mit zwei Wassereimern. Er war nicht der Held, sondern nur der Enkel des Helden.
Meine Meinung
„Radetzkymarsch“ habe ich als ein ganz wunderbares Buch empfunden. Joseph Roth ist ein wahrer Künstler des Wortes. Seine Beschreibungen haben mich tief beeindruckt. Er kann mit einfachen Worten eine Atmosphäre schaffen, die für den Leser spürbar und erlebbar wird. Ich habe lange kein Werk ähnlicher Brillanz gelesen. Die Charaktere sind hervorragend gezeichnet, die Handlungen dieser dazu stimmig. Joseph Roth vermag aber auch hintergründige Ironie, die stellenweise schon ins Satirische überging, gekonnt und bewusst einzusetzen.
Die Protagonisten symbolisieren mit ihrem Stand in der Gesellschaft die Säulen der k.u.k. Monarchie. Der Großvater, Held von Solferino, steht für das noch „gesunde“ Militär, die funktionierende Stütze der Gesellschaft. Franz von Trotta als Bezirkshauptmann verkörpert das Beamtentum, er ist ein treuer Diener des Staates. Der weichliche Carl Joseph von Trotta fühlt sich in seiner Rolle bei der Armee nicht wohl. Er sehnt sich zurück zu den Wurzeln der Familie und repräsentiert so den Untergang des Systems. Roth zeichnet Bilder mit Symbolcharakter in dieses Buch, am meisten beeindruckten mich die Krähen als Prophetenvögel und die Stimmung am Vorabend des I. Weltkrieges. Und durch die ganz gesamte Handlung zieht sich unaufdringlich der Radetzkymarsch.
Auffällig war auch, dass es in diesem Buch kaum Frauen gab, die in die Handlung eingriffen. Das empfand ich jedoch nicht als Mangel, sondern als direkte Folge der doch recht militärlastigen Handlung.
Mein Fazit: „Radetzkymarsch“ ist ein äußerst gelungenes Werk, das den Niedergang der k.u.k. Monarchie auf sehr einprägsame Weise beschreibt. In meiner persönlichen Bestenliste wird es ganz weit oben einen Platz finden. „Kapuzinergruft“ werde ich in kürze lesen. Die Erwartungen daran sind entsprechend hoch.
Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN-13: 978-3462034622
Geschrieben in 2008, Klassiker/Weltliteratur, Meine Besten | Keine Kommentare »
22.7.2008 von Karthause.

Eine ostfriesische Kleinstadt wird von einer grausamen Mordserie erschüttert. Schnell wird klar, zwischen den Opfern gibt es eine Verbindung, den Verein „Regenbogen“, der sich die Hilfe für Behinderte zur Aufgabe gemacht hat, aber nicht unumstritten ist. Jedoch bleiben das Motiv und der Täter lange unbekannt.
Die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen ermittelt auf sehr sympathische Weise. Sie tritt nicht als Super-Women auf, sondern ist eine Frau, der der Spagat zwischen Beruf und Familie nicht so gelingt wie Ehemann und Sohn sich das wünschen. So sucht der Mann Trost bei einer anderen Frau, die so völlig anders ist als seine Ehefrau. Die Ehepartner trennen sich, der Sohn geht mit dem Vater und Ann Kathrin Klaasen steht privat vor dem Nichts.
Eigentlich mag ich die typischen Sonntagabendkrimis im Stil von Tatort und Co. nicht sonderlich. „OstfriesenKiller“ ist aber auf seine Art erfrischend anders. Die Personen sind alle sehr authentisch und lebensecht gezeichnet. Ich empfand sie als glaubwürdig. Sie hatten alle, begonnen bei der Kommissarin über die Vereinsmitglieder bis hin zum Täter, ihre Ecken und Kanten. Auch das Motiv, dass zu dem Morden führte, war überzeugend. Allein die Geschichte um die zerrüttete Ehe der Ann Kathrin Klaasen bietet Stoff für einen eigenen Roman. Gern hätte ich mehr über diese Nebengeschichte gelesen. Klaus-Peter Wolf steigerte die Spannung auf unaufdringliche, leise Weise ohne besonders actionlastig zu sein. Ich wurde förmlich von diesem Krimi erfasst und mit der Handlung mitgezogen. Das Gefühl ein Leser zu sein ging völlig verloren, ich fühlte mich eher wie ein stiller Beobachter.
Dem Autor ist es ausgesprochen gut gelungen, die Besonderheiten Ostfrieslands und seiner Bewohner einzufangen. Er hat die typische Atmosphäre ganz wunderbar transportiert.
Als einzigen Kritikpunkt sehe ich die Ankündigungen, wie lange ein auserkorenes Opfer noch zu leben hat. Das hat ein wenig die Spannung gemildert. Trotzdem war ich über die Auflösung erstaunt, die Hinweise am Anfang des Buches hatte ich nicht erst genommen.
Mein Fazit: „OstfriesenKiller“ ist ein ruhiger, trotzdem blutiger und spannender Krimi, den ich so nicht erwartet hätte. Ich danke dem Zufall, der mir dieses Buch in die Hände spielte. Der nächsten Fall der Kommissarin Klaasen wird mir nicht entgehen.
Broschiert: 311 Seiten
Verlag: Fischer
ISBN-13: 978-3596166671
Geschrieben in 2008, Krimi/Thriller | 5 Kommentare »
21.7.2008 von Karthause.

Dieser Roman von Deana Zinßmeister führt den Leser ins Eichsfeld des Jahres 1617. An fünf Schicksalen schildert die Autorin die Zeit kurz vor dem Dreißigjährigen Krieg.
Die junge Katharina soll nach dem Tod ihrer Schwester an deren Stelle treten, deren Mann heiraten und den Kindern die Mutter sein. Aber sie stellt sich ihr Leben gänzlich anders vor. Ihr Traum ist es, wie einst die heilige Elisabeth von Thüringen, ihr Leben in den Dienst der Armen und Bedürftigen zu stellen. Zudem ist ihr der Schwager zuwider, der wiederum will ihr ihren Einsatz für die Armen verbieten. Als Ausweg bleibt ihr nur die Flucht.
Johannes, der älteste Sohn und somit der Erbe eines reichen Bauern, verliebt sich in die Magd Franziska. Diese ist in den Augen der Eltern nicht standesgemäß. Johann soll seinesgleichen heiraten, Reichtum muss beisammen gehalten und durch günstige Heirat gemehrt werden. Johann will aber seinem Herzen folgen. Vom Vater wird er wegen seiner Sturheit fast zu Tode geprügelt, Franziska flieht als die Gerüchte, sie sei eine Hexe, nicht verstummen, Johann folgt ihr kurze Zeit später.
Clemens lebt gemeinsam mit seiner Schwester Anna und deren Mann auf dem Hof der verstorbenen Eltern. Seinem Schwager geht es nur um Geld und dabei wirtschaftet er den Hof herunter. Clemens und seine Schwester sind ihm bei seinen Plänen im Weg. Anna will er in ein Kloster abschieben und für Clemens bereitet er ein Mordkomplott vor. Er kommt nur knapp mit dem Leben davon und muss fliehen.
Burghart, der Franziskanermönch, kann die Hexenprozesse nicht mehr ertragen, denen er beiwohnen muss. Er ist zwar der Überzeugung, dass den Hexen das Handwerk gelegt werden muss, aber die Vorgehensweise verabscheut er zutiefst. Die Umstände zwingen auch ihn zur Flucht.
Deana Zinßmeister erzählt die Geschichten der Protagonisten parallel. Ich brauchte einige Zeit um mich an diesen Stil zu gewöhnen, musste ich doch zu Beginn eines jeden überlegen, in welcher Geschichte ich mich gerade befinde. Verbindungen zwischen den Hauptpersonen gibt es nicht. Entschädigt dafür wurde ich durch die hervorragende Recherche der Autorin. Ein Quellenverzeichnis am Ende eines Romanes ist schon eher etwas Ungewöhnliches und belegt ihre Exaktheit. So fanden die Fakten zur Denunziation, zur Hexenverfolgung, zur Folter, zur peinlichen Befragung, zu Hexenproben und letztlich auch zur Verbrennung der Hexen in diesem Buch ihre Verwendung. Dies ging meines Erachtens ein wenig zu Lasten der Handlung, die doch ein wenig schwer in Gang kam, in der Mitte des Buches aber begann mich zu packen und sich zum Ende hin dann sehr steigerte.
Mit diesem Roman widmete sich die Autorin einem völlig anderen Thema als in den erfolgreichen Vorgängerromanen. Diesen Schritt fand ich mutig und gelungen. Sprachen ihre ersten beiden Romane vornehmlich Herz und Seele des Lesers an, so wurde in diesem auch der Geist gefordert.
Mein Fazit: „Das Hexenmal“ ist ein flüssig zu lesender, sehr gut recherchierter historischer Roman, der, wenn man in ihn eingetaucht ist, gute Unterhaltung bietet und fundiertes Wissen über die Zeit der Hexenverfolgung vermittelt.
Broschiert: 510 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN-13: 978-3442467051
Geschrieben in 2008, History | Keine Kommentare »
12.7.2008 von Karthause.

In Natchez wurde am Ufer des Mississippi die halbnackte Leiche der 17jährigen Kate gefunden. Ein Schock lag über der amerikanischen Kleinstadt und schnell war ein Tatverdächtiger gefunden, der angesehene, verheiratete Arzt Drew Elliot. Er war am Tatort. Er hatte ein Verhältnis mit der Minderjährigen und ein Motiv war auch schnell gefunden. Denn es stellte sich heraus, dass Kate schwanger war. Drew bat seinen langjährigen Freund, den ehemaligen Staatsanwalt Penn Cage, der seit dem Tod seiner Frau sehr zurückgezogen lebt und Romane schreibt, um seine Verteidigung. Doch für Penn wurde sehr schnell klar, dass hinter diesem Mord sehr viel mehr steckt, als auf den ersten Blick zu vermuten war. So ermittelte Penn Cage auf eigene Faust. Die örtliche Polizei war ihm keine echte Hilfe, sie war durch den Streit um Kompetenzen im Tun behindert, außerdem war für sie die Überführung des Mörders nur noch eine Formsache, der mutmaßliche Täter saß schließlich bereits in Untersuchungshaft. Der politisch ambitionierte farbige Staatsanwalt plante, an dem weißen Arzt ein Exempel zu statuieren und mit aller Härte des Gesetzes durchzugreifen. Das sollte ihm den Weg auf den vakanten Bürgermeisterstuhl ebnen, aber auch Penn Cage dachte über seine eigene Bewerbung für diese Position nach. Bei seiner Recherche wirbelt Cage viel Staub auf und macht sich damit, die auch zum letzten Mittel greifen würden.
Greg Iles Thriller spielt in der amerikanischen Kleinstadt Natchez, die schon bedeutend bessere Zeiten gesehen hatte. Mord, Korruption, Drogenkriminalität, organisiertes Verbrechen, politische Intrigen und Erpressung, aber auch Rassenkonflikte und Bandenrivalität spielen in diesem Ort eine nicht unwesentliche Rolle. Der Mord an der Schülerin ist nur die Spitze des Eisberges. Zwischen der detektivischen Arbeit Penns und den Auseinandersetzungen mit der Staatsanwaltschaft fügt Greg Iles sehr glaubwürdige und reale Bilder einer sterbenden Kleinstadt ein. Die Jugendlichen, die im Ort bleiben, haben kaum eine Perspektive. Viele Ältere haben resigniert und sich in die Situation ergeben. So ist die Kriminalität und der Drogenkonsum entsprechend hoch. Eine brisante Thematik, die hochaktuell ist und nicht nur für diese Stadt in den USA Gültigkeit besitzt. Die Aufkläung des Mordfalles im Zusammenhang mit den offensichtlichen Problemen der Stadt fand ich als sehr gelungen.
„Blackmail“ ist sehr flüssig zu lesen. Die Spannung bleibt bis zum Schluss erhalten, obwohl ich schon recht zeitig einen Verdacht hegte. Aber es gab immer wieder geschickt eingebaute Wendungen und Verwicklungen, die diesen Thriller nicht vorausschaubar machten. Lediglich das Ende steht in einem doch krassen Widerspruch zu meinem Rechtverständnis. Aber in diesem fiktiven Buch kann ich mit dem Ausgang gut leben.
Broschiert: 640 Seiten
Verlag: Lübbe
ISBN-13: 978-3404158027
Geschrieben in 2008, Krimi/Thriller | Keine Kommentare »
11.7.2008 von Karthause.
Meine Leseerlebnisse vom Monat Juni warten noch auf ihre Zusammenfassung. Insgesamt waren lauter interessante Bücher bei mir am Start. Das Ungewöhnlichste für mich war wohl „Feuchtgebiete“. Es hat mich zwar irgendwie gelangweilt, aber schleicht sich doch immer wieder in meinen Kopf zurück. Heute las ich, dass es als Theaterstück auf die Bühne gebracht werden soll.
960 Seiten Die Lagune des Löwen – Charlotte Thomas
219 Seiten Feuchtgebiete – Charlotte Roche
206 Seiten Weg damit! Entrümpeln befreit. - Rita Pohle
464 Seiten Einmal Hölle und zurück! - Carla van Raay
720 Seiten Die Kapelle der Glasmaler – Kirsten Schützhofer
411 Seiten Flieh, wenn du kannst - Joy Fielding
___________________________________
2.980 gelesene Seiten im Juni
Geschrieben in 2008, Lese-Statistik | 3 Kommentare »
4.7.2008 von Karthause.


Bonnie Wheeler lebt mit ihrer Tochter Amanda und ihrem Ehemann Rod in einer heilen Welt. Bis sie eines morgens von der geschiedenen Frau ihres Mannes angerufen und diese Bonnie erklärt, sie und Amanda seien in Gefahr. Daraufhin verabreden sich die beiden Frauen. Als Bonnie am verabredeten Ort eintrifft findet sie Joan – sie ist tot.
Die Polizei hat somit eine Verdächtige, die die ungeliebte Vorgängerin aus dem Weg geräumt haben könnte. Aber auch Rod könnte ein Motiv haben. Schließlich hat er die Verdoppelungsklausel in der Lebensversicherung abgeschlossen, die auch bei einem Mord greifen würde. Bonnie beginnt eine Recherche auf eigene Faust und mehr als einmal zweifelt sie Liebe und Freundschaft an.
Joy Fielding kommt in diesem Buch gleich zur Sache. Ohne eine lange Einführung war ich als Leser mitten im Geschehen und der Spannungspfeil hatte mich getroffen. Ein typischer Fielding-Thriller also, den man nur ungern zur Seite legt. Der Stil ist flüssig und leicht zu lesen. Das muss in diesem Fall auch so sein, denn schließlich wollte ich vorankommen, wollte wissen, wer hat Joan umgebracht, warum wurde sie umgebracht, sind Bonnie und Amanda wirklich in Gefahr und wer bedroht sie? Mit meinen Verdächtigungen tappte ich ständig im Dunklen und jede endete immer mit der Erkenntnis, das derjenige nichts mit der Sache zu tun haben könne. Zum Schluss wird der Mord und die Bedrohung aufgelöst. Es kam fast völlig anders als ich erwartet habe.
Angenehm war, dass auch die Protagonistin keine Super-Women war. Sie war glaubhaft gestaltet mit ihren Ängsten, Zweifeln und Nöten. So, wie ich überhaupt sagen kann, dass die Figuren in diesem doch recht typisch amerikanischen Thriller recht gut gezeichnet und psychologisch durchdacht waren.
In der Mitte des Buches kommt Joy Fielding ein wenig ins Erzählen, die Spannung flacht für ein Weilchen etwas ab, aber nur um am Schluss noch einmal Hochspannung zu erzeugen.
Mein Fazit: Bei Joy Fielding finde ich immer spannende Unterhaltung, bei der ich nach einem stressigen Arbeitstag die Welt um mich für einige Zeit verdrängen kann.
Taschenbuch: 411 Seiten
Verlag: Goldmann TB
ISBN-13: 978-3442432622
Geschrieben in 2008, Krimi/Thriller | Keine Kommentare »
1.7.2008 von Karthause.

Frankreich im 13. Jh.. Clément ist ein angesehener Glasmaler. Er träumt davon einmal im Leben etwas zu schaffen, das der Schönheit Gottes angemessen ist. Nach der Beendigung seiner Arbeit in Rouen zieht er mit seiner Familie nach Paris, um als Glasmaler beim Bau der Sainte Chapelle zu arbeiten. Der Meister der dortigen Glasmaler ist Thomas. Beide kennen sich gut. Zu gut. Haben sie doch beide um Edwige geworben, die sich jedoch für Clément entschieden hat. Clément ist aber auf die Arbeit angewiesen und Thomas nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um ihm zu zeigen, wer der Meister auf dem Bau ist. Seine Zurückweisung durch Edwige hat er nie verwunden, in seinem verletztem Stolz und seinem unberechenbaren Jähzorn sinnt er nach Rache. Neben diesem Haupthandlungsstrang werden noch die Geschichten des als Kind allein aufgefundenen Ghislain, der sich als Jongleur über Wasser hält und die des Baumeisters Pierre de Monteuil erzählt.
Dies war der erste Roman, den ich von der Autorin Kirsten Schützhofer gelesen habe. Wieder ein historischer Roman, in dem es um die Errichtung einer Kathedrale geht. Da schweifen die Gedanken schon mal zu Folletts „Die Säulen der Erde“ ab. Aber diesen Vergleich braucht die Autorin nicht scheuen. Im Gegenteil, mir hat dieser Roman deutlich besser gefallen als der Weltbestseller. Atmosphärisch dicht, in einer sehr schönen Sprache schildert Kirsten Schützhofer den Bau der Kirche. Vor dem inneren Auge habe ich das Werden dieses Bauwerks gesehen. Wie nebenbei erklärt sie das Handwerk. Die Arbeit der Glasmaler beschreibt sie in einer beeindruckenden Detailgenauigkeit. Auch die gewöhnlichsten Alltagssituationen, wie Wasser holen oder heizen, weiß Kirsten Schützhofer in die Handlung einzubauen, so dass der Leser sich gut in die damalige Zeit einfühlen kann. Abgerundet wird das Buch durch die fein gezeichneten Charaktere, denen jede Schwarz-Weiß-Malerei fehlt. Sie wirken wie aus dem Leben gegriffen, jeder hat sowohl gute als auch schlechte Seiten. Bei aller Erzählfreude der Autorin, die ich beim Lesen deutlich spüren konnte, gab es keine nennenswerten Längen in den Beschreibungen oder Handlungen.
Mein Fazit: „Die Kapelle der Glasmaler“ ist ein opulenter und farbenprächtiger Mittelalterroman. Kirsten Schützhofer hat es geschafft, diese Zeit für mich mit Leben zu füllen, ich konnte sowohl das Mittelalter sehen, riechen und hören, als auch mit den Protagonisten mitfiebern. Dies ist einer der besten historischen Romane, die ich bisher gelesen habe.
Taschenbuch: 720 Seiten
Verlag: Diana Taschenbuch
ISBN-13: 978-3453351523
Geschrieben in 2008, History, Meine Besten | 3 Kommentare »
1.7.2008 von Karthause.

Als Kind wurde Carla vom Vater missbraucht. Als junge Frau ging sie ins Kloster und musste die psychischen Quälereien der Nonnen über sich ergehen lassen. Als sie auch das nach Jahren nicht mehr aushält, ist ihr einziger Ausweg die Prostitution.
Carla van Raay hat in diesem Buch ihr Leben niedergeschrieben. In wie weit darin Ausschmückungen enthalten sind, kann ich nicht beurteilen und Vermutungen möchte ich nicht anstellen. Eins steht fest, sie hat ein schweres Schicksal in ihrem von großen Kontrasten geprägten Leben hinter sich. Carlas Geschichte hat mich betroffen gemacht, aber nicht so berührt, wie es andere Bücher dieses Genres schon taten. Dafür hatte es einfach zu viele Längen und die Sprache zeigte deutlich, dass das Schreiben nicht der Beruf der Carla van Raay ist. Trotzdem war es interessant zu lesen, wie Carla van Raay ihren Weg fand.
Taschenbuch: 464 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426778241
Geschrieben in 2008, Biografie/Erfahrungen | Keine Kommentare »
25.6.2008 von Karthause.

Wer kennt das nicht, in den Schränken und Regalen sammeln sich im Laufe von Jahren Dinge an, die man unbedingt einmal brauchte und doch nie nutzte. Spätestens wenn die Schränke aus den Angeln gehen, stellt sich jeder wohl die Frage nach der Anschaffung eines weiteren Schrankes oder dem Aufraffen zum Entrümpeln. Frei nach dem Motto ‚Ballast belastet’ gibt Rita Pohle gute oder auch gut gemeinte Ratschläge zur Neuorganisierung. Einige Tipps waren mir schon bekannt, andere werde ich wohl nie anwenden. Aber es gab auch neue Impulse. Letztlich hat dieses Buch schon die Lust aufs Entrümpeln geweckt. Aber von liebgewordenen Dingen werde ich mich nicht trennen, nur um dadurch mehr Freiraum zu erhalten. Auch meine geliebten Bücher wandern nicht in den Altpapiercontainer. Mir war dieses Buch ein wenig zu esoterisch. Räuchern, klären und Energie aufladen sind nicht so meine Denkweise. Aber sicher kann jeder aus diesem Buch ein paar Anregungen entnehmen und sie umsetzen.
Taschenbuch: 206 Seiten
Verlag: Goldmann
ISBN-13: 978-3442165278
Geschrieben in 2008, Fach- und Sachbuch | Keine Kommentare »
23.6.2008 von Karthause.

Die 18-jährige Helen liegt nach einer missglückten Intimrasur wegen einer Analfissur im Krankenhaus. Diese Situation will sie ausnutzen, damit ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenkommen. Als ihre Wunde aber schneller heilt, als sie ihr Vorhaben umsetzen kann, greift sie zum letzten Mittel, um ihren Aufenthalt verlängern zu können. Sie reißt sich ihre frische Operationswunde bewusst selbst auf. Soweit die eigentliche Handlung, dafür würden an sich 2 DIN A4 Seiten genügen. Die 219 Seiten des Buches werden gefüllt mit detaillierten Beschreibungen von Helens Körper, insbesondere der Körperöffnungen, ihres (sehr eigentümlichen) Hygieneverhaltens, ihrer Masturbationstechniken. Mir ist jetzt jeder einzelne Geschmack und Geruch der verschiedenen Körperflüssigkeiten der jungen Frau bekannt. Die Konsistenz würde natürlich nicht ausgelassen.
Nachdem „Feuchtgebiete“ sozusagen in aller Munde war – was für ein zum Buch passendes Wortspiel – wollte ich mir meine eigene Meinung darüber bilden. Ich habe sie mir gebildet. Das Buch empfand ich weder als ekelerregend noch als skandalös. Ich fühlte mich auch nicht provoziert. „Feuchtgebiete“ hat mich einfach nur gelangweilt. Auf gut 200 Seiten wird versucht, gegen Tabus anzuschreiben und dem gegenwärtigen Hygieneverhalten den Kampf anzusagen. Um dies zu erreichen, war die Autorin bemüht, sämtliche Fettnäpfchen zu betreten und dem Leser eine derb-vulgäre, eher gossenhaft wirkende Sprache zu präsentieren. Zwischenzeitlich war ich versucht dieses Buch zur Seite zu legen. Ich habe mich aber dann anders entschieden, nur um festzustellen, ob mir eine Grimmepreisträgerin wirklich nicht mehr zu sagen hat.
Ich gehe jedoch davon aus, dass Charlotte Roche akribisch für dieses Werk recherchiert hat. Das würde mich beruhigen, denn würde das doch beweisen, dass ich bedenkenlos öffentliche Toiletten auf jedwede Weise benutzen kann und mich trotzdem bester, wahrscheinlich sogar noch besserer Gesundheit erfreuen werde.
Mein Fazit: Ich kann Charlotte Roche nur zu ihrem Marketing-Erfolg gratulieren, ein literarischer Erfolg ist es wohl eher nicht. Für mich gehört dieses Buch in die Kategorie „Bücher, die die Welt nicht braucht“. Zum Glück war mein Exemplar nur ein geliehenes.
Broschiert: 219 Seiten
Verlag: Dumont Buchverlag
ISBN-13: 978-3832180577
Geschrieben in 2008, sonstiges, Das war wohl nix | Keine Kommentare »
23.6.2008 von Karthause.

Venedig zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Laura, Antonio, Valeria und Carlo, der entflohene Sklave, müssen ihr Leben als Straßenkinder fristen. Während sich Valeria als Kinderhure Männern hingibt, sind die anderen als Diebe unterwegs. In dieser gemeinsamen Zeit ist zwischen den Kindern eine tiefe Verbindung gewachsen, die Jahre später noch Bestand hat. Alle vier haben ein schlimmes Schicksal hinter sich. In „Die Lagune des Löwen“ wird in verschiedenen Handlungssträngen deren Lebensweg mit Höhen und Tiefen erzählt. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder und alle sind getrieben von dem Wunsch, nie wieder in solcher Armut leben zu müssen. Die Wege, die sie gehen, um ihr Ziel zu erreichen, können verschiedener nicht sein. Ich konnte die Höhen und Tiefen des Lebens der Protagonisten bis hin zu einem fulminanten Ende miterleben.
Auch dieser zweite Roman von Charlotte Thomas führte mich ins Venedig der Renaissance. Mir hat der Vorgängerroman „Die Madonna von Murano“ schon sehr gefallen und in gleich guter Weise wurde auch dieser Roman geschrieben. Wieder entstand in meinen Gedanken ein farbenprächtiges und detailreiches Bild der Serenissima vergangener Tage. Charlotte Thomas hat in ihren Roman eine Vielzahl von Charakteren und Schicksalen eingearbeitet, die fast alle Gesellschaftsschichten berühren. Die Schilderung der verschiedenen Lebensumstände empfand ich als glaubwürdig und die Dialoge waren sehr natürlich und ungekünstelt. Besonders gut hat mir gefallen, dass die Protagonisten eine deutliche Entwicklung durchlebten. Ihre Charaktere waren sehr fein gezeichnet und wirkten sehr lebensecht.
Neben der eigentlichen Handlung bekam ich gut recherchierte Informationen zum historischen Hintergrund von den Lebensumständen und dem Handel in der damaligen Zeit, die geschickt mit dem Geschehen verwoben waren. Der Roman ließ sich sehr leicht lesen. Charlotte Thomas’ leichter, flüssiger Stil, der aber keineswegs seicht ist, hat mich auch in diesem Buch überzeugt. Besonders hervorheben möchte ich die Gestaltung des Buches. Es ist wahrer „Hingucker“. „Die Lagune des Löwen“ hat mich von der ersten Seite in seinen Bann gezogen, es hat mich sehr gut unterhalten und ich hatte sehr schöne Lesestunden.
Gebundene Ausgabe: 960 Seiten
Verlag: Ehrenwirth
ISBN-13: 978-3431037449
Geschrieben in 2008, History | Keine Kommentare »
10.6.2008 von Karthause.
Und wieder ist ein ganz besonderer Schriftsteller von uns gegangen.
Tschingis Aitmatow
12. November 1928 - 10.Juni 2008
Sein Buch “Dshamilja” werde ich immer in bester Erinnerung behalten.
Geschrieben in Allgemeines | 4 Kommentare »
5.6.2008 von Karthause.
Was für ein Monat. Seitenmäßig habe ich wohl einen persönlichen Rekord gebrochen, aber die Bücher haben auch das ihre dazu beigetragen.
637 Seiten Die letzte Spur – Charlotte Link
426 Seiten Ausgesetzt - James W. Nichol
154 Seiten Eine blassblaue Frauenschrift – Franz Werfel
445 Seiten Vater unser in der Hölle - Ulla Fröhling
590 Seiten Das Jesus Video – Andreas Eschbach
640 Seiten Bis ans Ende aller Tage – Jodi Picoult
2.892 gelesene Seiten
Geschrieben in Lese-Statistik | Keine Kommentare »
2.6.2008 von Karthause.

Emily Gold und Chris Hart kennen sich seit ihrer Geburt. Ihre Eltern sind beste Freunde und Nachbarn. So sind auch beide Seiten erfreut, als sich die enge Freundschaft zwischen den Emily und Chris in eine junge Liebe verwandelt. Sie sind unzertrennlich, teilen alles miteinander, Freude und Sorgen. Doch dann kommt der Tag, an dem für beide Familien die Welt aus den Angeln gehoben wird und Unvorstellbares geschieht. An der Frage Selbstmord, missglückter Doppelselbstmord oder Mord zerbricht die Freundschaft der Eltern. Das alles Bestimmende werden das Wie und das Warum.
„Bis ans Ende aller Tage“ ist der erste Roman, den ich von Jodi Picoult gelesen habe, deshalb kann ich nicht sagen, ob er typisch für die Autorin ist oder nicht. Mir hat er sehr gut gefallen. Binnen kürzester Zeit war ich in die Geschichte eingetaucht. Gleich zu Beginn des Buches wird der Tod von Emily offenbart und bis zum Ende bleibt der Spannungsbogen erhalten. Viele Gedanken wurden nur angerissen, andere bis zu Ende gedacht, Das Geschehen wurde aus verschiedenen Blickwinkeln heraus betrachtet. Das Handeln der einzelnen Personen wurde so beschrieben, dass jedes Tun nachvollziehbar war. Die Autorin beleuchtet jeden einzelnen Charakter und ergründet ihn. Das hat mir sehr gut gefallen. Die beiden Familien sind bis zum Tod von Emily ganz normale amerikanische Familien, mit einem ganz normalen Alltag und ganz normalen Problemen. Dieses Leben wird von Jodi Picoult gekonnt beschrieben, aber so dass durch diese Normalität keine Langeweile aufkommt.
Jodi Picoult schreibt in einem sehr schönen, warmen Stil, der wirkliche Lesefreude aufkommen lässt. So verschlang ich dieses Buch in kürzester Zeit. Es hat mich emotional sehr berührt. Trotzdem möchte ich ihm nur 4 von 5 Sternen geben. Denn nach der Lektüre blieben für mich mehrere Fragen offen. Da diese ungeklärten Sachverhalte im Buch jedoch eine nicht unerhebliche Bedeutung hatten, fühle ich mich jetzt genötigt zu spekulieren und das empfinde ich in diesem Fall als unbefriedigend.
Broschiert: 640 Seiten
Verlag: Piper
ISBN-13: 978-3492248303
Geschrieben in 2008, Belletristik | Keine Kommentare »
29.5.2008 von Karthause.

Der junge Amerikaner Stephen Foxx stößt bei Ausgrabungen in Israel auf einen sensationellen Fund. In einem 2.000 Jahre alten Grab liegt die Bedienungsanleitung einer Videokamera, die frühestens in drei Jahren auf den Markt kommen wird. Der Geldgeber der Ausgrabung, der schwerreiche Medienmagnat John Kaun, reist persönlich an, um die Nachricht als erster senden zu können. Verschiedene Theorien, wie die dieses Papier in das Grab gekommen sein könnte, werden diskutiert und wieder verworfen. Die zentrale Frage aber ist, gibt es ein Video, das Jesus zeigt und wenn ja, wo ist es?
In der Regel sind Zeitreiseromane so das Letzte wozu ich greifen würde. Aber auf wiederholtes Drängen meines Sohnes und weil es eben ein Eschbach ist, habe ich dieses Buch gelesen. Gleich vorweg, ich habe es nicht bereut.
In gewohnter Manier hat Andreas Eschbach seinen Roman „Das Jesus Video“ geschrieben. Leicht zu lesen, informativ, spannend, unterhaltsam, packend. Von der ersten Seite an war ich in die Geschichte involviert. Steven Foxx, war mir sofort, trotz seiner anfänglich fast grenzenlosen Naivität, oder vielleicht genau deshalb, ein recht sympathischer Held, mit dem ich gut mitfiebern konnte. Aber mit der Zeit öffneten sich auch seine Augen, für das Spiel, das hinter den Kulissen der Ausgrabung gespielt wurde. Den Charakteren fehlte ein wenig der Tiefgang, das wurde aber durch die rasante Handlung wettgemacht.
Der Spannungsbogen wurde bis zum Schluss gehalten, denn das Buch endete zu meiner Überraschung und Freude anders als der mir bereits bekannte Film und vor allem, es endete nicht vorhersehbar.
Auch in diesem Buch zeigt Eschbach wieder, dass er nicht nur ein hervorragender Dramaturg ist, er besticht auch wieder durch eine brillante Recherche. Dies stellt er immer wieder durch die in die Handlung gut integrierten Sach- und Fachdialoge unter Beweis, die für meinen Geschmack allerdings in diesem Buch, besonders zu Beginn, etwas zu umfangreich waren.
Ich wurde von diesem Buch wirklich sehr positiv überrascht, alle meine Vorurteile, die aus dem recht mittelmäßigen Film resultierten, sind abgebaut. Nun werde ich mich in absehbarer Zeit auch mit den Science-Fiction-Romanen von Andreas Eschbach befassen. Das ist als Genre für mich ein fast unbekanntes Gebiet, eine richtige Herausforderung. Aber wenn ein Autor mein Interesse an dieser Literaturrichtung wecken kann, dann Andreas Eschbach.
Gebundene Ausgabe: 590 Seiten
Verlag: Droemer/Knaur
ISBN-13: 978-3426632390
Geschrieben in 2008, Krimi/Thriller | Keine Kommentare »
27.5.2008 von Karthause.

Klappentext
Seit frühester Kindheit erlebte Angela Lenz sexuelle Gewalt. Mit grausamen Folterungen, Drogen und Gehirnwäsche wurde sie in einer Geheimsekte zur Prostitution gezwungen und musste andere in satanistischen Ritualen quälen. Unter der Last des Unerträglichen zersplitterte ihre Seele in Dutzende von Persönlichkeiten. So überlebte sie die Schrecken. Doch die traumatischen Erlebnisse drängten an die Oberfläche. Angela machte eine Therapie, und trotz Schweigegebot und Todesdrohungen wagt sie über das zu sprechen, was man ihr und anderen angetan hat.
Es ist bereits etliche Tage her, seit ich „Vater unser in der Hölle“ von Ulla Fröhling beendet habe. Eher war ich nicht in der Lage, meine Gedanken niederzuschreiben. Dieses Buch wurde mir von lieben Freundin ans Herz gelegt, ich kannte im Groben die Thematik, wusste aber nicht, worauf ich mich einlasse. Die Unfassbarkeit dieses Buches veranlasst mich auch, hier ausschließlich über meine Gefühle, mit denen ich beim Lesen zu kämpfen hatte, und nicht über meine literarischen Eindrücke zu schreiben.
Noch heute bekomme ich Gänsehaut und einen Kloß im Hals, wenn ich an dieses Buch denke. Viele Bücher dieser Art habe ich bereits gelesen und ich dachte, mein Fell wäre auch für „Vater unser in der Hölle“ dick genug, weit gefehlt. Ulla Fröhlings Buch ist anders, härter, schrecklicher, grausamer, die geschilderten Taten sind unvorstellbar menschenverachtend. Es ging mir nicht nur unter die Haut, es berührte mich im tiefsten Inneren. Nichts wurde ausgeblendet, umschrieben oder beschönigt. Die Autorin lenkte meine Gedanken genau auf die schlimmsten unbeschreiblichsten Schreckenstaten. Stellenweise kam ich mir wie ein Voyeur vor. Und immer, wenn ich dachte, die Leiden der Angela Lenz können nicht mehr schlimmer werden, gab es wieder eine furchtbare Steigerung. Mehrfach war ich versucht, das Buch zur Seite legen, aber auch das konnte ich nicht. Gedanklich war ich schon viel zu sehr verstrickt in die Fäden des Geschehens.
Dieses Buch bewerte ich lediglich mit 4 von 5 Sternen, weil es auf mich stellenweise etwas reißerisch wirkte. Es ist aber ein wichtiges Buch, ihm sind viele Leser zu wünschen. Wenn ich es empfehlen würde, dann nur sehr stabilen Lesern und es wäre immer eine Warnung mit dabei, denn was ich gelesen habe, überstieg oft mein Vorstellungsvermögen, ich mochte es nicht wahr haben, obwohl es nachgewiesenermaßen leider wahr ist.
Broschiert: 445 Seiten
Verlag: Lübbe
ISBN-13: 978-3404616251
Geschrieben in 2008, Biografie/Erfahrungen | Keine Kommentare »
27.5.2008 von Karthause.
Am vergangenen Donnerstag, 22. Mai, war ich zu Sigrid Damms Lesung zu „Goethes letzte Reise“ im Frankfurter Kleist-Museum. Ich hatte recht hohe Erwartungen an diese Veranstaltung und wurde auch nicht enttäuscht. Sie las sich quer durch besagtes Buch, so dass ich einen guten Überblick davon bekam. Da ich es mir schon gekauft hatte, werde ich es auch lesen, keine Frage. Allerdings wird es nicht mein nächstes Buch von ihr sein, weil ich mich beim Lesen von Sigrid Damms Büchern ein bisschen an die zeitliche Reihenfolge halten möchte. Das war wohl die Erkenntnis des Abends.
Sigrid Damm hat eine ganz wunderbare Stimme, am liebsten würde ich ihre Bücher als Hörbuch verschlingen. Sie kam auch äußerst sympathisch rüber und beantwortete alle Fragen sehr geduldig und ausführlich. Unter anderem beschrieb sie auch noch ihre aufwändige Recherche zu „Christiane und Goethe“, von der sie auch bei ihrem letzten Buch noch profitiert hat.
Zum Schluss gab es wie üblich die Möglichkeit, sich von ihr Bücher signieren zu lassen. Ich hatte natürlich ein Buch von ihr dabei. Mich hat Sigrid Damm künstlerisch überzeugt und menschlich in ihren Bann gezogen. Es war ein sehr gelungener Abend.
Geschrieben in 2008, Lesungen | Keine Kommentare »